Dieburg

„Rathaus-Rock“ mit Bürgermeister-Elvis

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Gelungene Premieren-Sitzung des KVD

Jetzt geht es endlich wieder richtig rund in der Kreisel- und Fastnachtsstadt Dieburg: Dank der Inbrunst mehrerer hundert Narrenkehlen drang das Äla in die Ludwigshall ein.

Dieburg - Pünktlich um 18.33 Uhr eröffnete Sitzungspräsident Bernd Wolfenstädter die erste Sitzung des Karnevalvereins, der am Samstag die zweite folgte. Närrische Bilanz der Premiere am Freitag: 333 Minuten beste karnevalistische Unterhaltung und ein Spitzen-Publikum. Wer Karten für die ausverkauften Sitzungen hat, darf sich darauf freuen. Wer keine hat, kann es noch über die Karten-Börse auf www.dibborsch.de versuchen, wo immer wieder kurzfristig Tickets angeboten werden.

Üblicherweise beginnt eine Fastnachtssitzung mit dem Protokoll des letzten Jahres. Der KVD macht es cleverer: Nach dem Einzug des Elferrats und der Begrüßung von Strahlemann Wolfenstädter bringt zunächst einmal das Jugendballett Stimmung und Bewegung in den Saal. Als Inkas verkleidet, zeigen die Tänzerinnen unter der Leitung von Elke Klenk und Jeanette Neumann, dass sich das Hofballett wohl kaum Nachwuchssorgen machen muss. Etliche tänzerisch überzeugende Talente stehen schon in den Startlöchern.

Dann also der Protokoller. Friedel Enders macht das nicht zum ersten Mal, und trotzdem verlieren seine Beobachtungen der Welt- und Lokalereignisse auch 2009 nichts an Präzision und Schärfe. Beispiel gefällig? „Auch die Spekulanten-Brut fürchtet um ihr Hab und Gut“, findet Enders deutliche Worte. Die Bahn und die Hessen-SPD - mit „avanti“ findet Enders sogar einen passenden Reim auf „Ypsilanti“ - sind natürlich ebenso dankbare Themen wie dopende Radsportler und die Olympiade in China. Apropos China: Von diesem exotischen Ort schwenkt Enders um auf einen inzwischen noch exotischer anmutenden - den Dieburger Schlachthof. „Wer in Dibborsch will investieren, der wird sicher Geld verlieren“, provoziert Enders hier. Und liest den Stadtvätern weiter die Leviten: Ein Fechenbach-Park, aus dem der Mittelaltermarkt vertrieben werde, könne es doch wirklich nicht sein. Ob man durch den neuen Tunnel unter den Bahnschienen auch durchfahren und in der neuen Stadthalle auch feiern dürfe, seien da die nächsten Fragen, die sich stellten. Beim Thema Friedhofsgebühren kann Enders selbstredend ebenfalls nicht schweigen: „All die Hoffnungen, die wir haben - wo sollen wir die nun begraben?“

Dem nachdenklichen Teil des Abends ist damit aber Genüge getan - jetzt wird es lockerer: Bei den „Speeslochfinken“ stiehlt Bürgermeister Werner Thomas seinen Sänger-Kollegen als Elvis-Imitator mit dem „Rathaus-Rock“ die Show. Dies übertüncht auch fast das gelungene fastnachtliche Integrationsprojekt der Finken: Mit Wolfgang Herberg ist mit großem Enthusiasmus ein Mitglied dabei, das außerhalb Hessens geboren wurde, noch hörbare Probleme mit dem hiesigen Dialekt besitzt und - man halte sich fest - in Groß-Zimmern wohnt. Toleranz also als Gebot der Stunde, um einen Exoten nach und nach auf den rechten Weg des Dibboijer Äla zu führen.

Nach dem etwas verhalten aufgenommenen Vortrag von Bernd Schneider als Marinekapitän und dem „charmanten“ neuen Fastnachtsschlager „Doa steht moi Oald vor mir“ von Wolfgang Brandt, ist dann Frauen-Power angesagt: Sichtlich wohl fühlt sich Anneliese Enders in ihrer Rolle als Moret-Wirtin, in der sie etwa für den joggenden Pfarrer Vogl Kir(s)chwasser und Klosterlikör besorgt. Leicht zu erklären: Auch im Leben jenseits der bei ihrem Vortrag nicht vorhandenen Bütt ist Enders dem Naturfreundehaus eng verbunden. Anschließend wirbelt das Hofballett unter dem Motto „Nacht im Museum“ gewohnt spritzig über die Bühne, tut dies in der Halbzeit dann noch einmal im wahrsten Wortsinn feenhaft. Der Vortrag von Monika Schledt unter dem Titel „Einst und jetzt“ markiert dann einen der Höhepunkte des ersten Abschnitts. „Damals hat's kein Bohlen gäwwe - unn trotzdem sinn mer noch all am Läwwe“, reimt Schledt da - der Zuspruch gerade der älteren Zuschauer ist ihr da gewiss.

Joachim Steinmetz hat sich unterdessen lauthals die Kreiselstadt als Thema seines neuen - mit wie gewöhnlich ungewöhnlicher Intonation vorgetragen - Fastnachtsschlagers auserwählt. Da ist der Song „Elle l'a“ von der jungen Ann-Cathrin Resch im späteren Programmverlauf schon ein Hingucker und Hinhörer von höherem Wert auf dem Charme-Barometer. Die vielleicht um fünf Minuten zu lange Playbackshow von Stefan Ludwig

und Wolfgang Brandt beschließt Hälfte eins. Sie haben sich das Winzerfest in Groß-Umstadt vorgenommen - soll noch einer sagen, die hiesigen Narren schauten nicht über den Tellerrand hinaus.

Schon ewig nicht mehr auf der Bühne gewesen ist der Dieburger Fanfarenzug, der die zweite Halbzeit eröffnet - mit nur 11 Minuten Verspätung, stark für eine Premierensitzung. Das Kontrastprogramm bilden die Bühnen-Urgesteine Karlheinz Braun und Monika Dambier-Blank als Dieburger Originale Gunkes und Bawett. Dass dem Gunkes ob seiner herrlich derben Frauen- und Seniorenverachtung keine Bierflaschen aus dem Publikum entgegen fliegen, beweist die grenzenlose Toleranz der Sitzungsbesucher.

Als sexy Matrosinnen sorgen die „Heihupper“ für schmachtende Blicke beider Geschlechter, auch wenn in dem Männerballett die wirklich „pfundigen“ Kerle inzwischen rar geworden sind.

Keineswegs rar sind die Witze, die die Schmeißmücken Matthias Sahm und Bernd Stenner sowie die spanischen Dibboijer Klaus Gottwald und Jürgen Schaarvogel in die Hall werfen. Der eine oder andere altbekannte Gag sei insbesondere dem Duo Gottwald/Schaarvogel verziehen. Die Art, in der sie das eingespielte Gespann darbietet, tröstet vielfach darüber hinweg.

Im großen Finale gelingt es den „Äla-Fetzern“, der Prinzengarde und ihrer Tanzgarde sowie den zuvor schon aufgetretenen Bühnen-Aktiven schließlich sogar, auch den letzten Fastnachter zur Stimmungsexplosion und auf die Stühle zu bringen. Zu Recht sprechen nach der Sitzung einige von ihnen von einem „sehr guten Premieren-Publikum“. Und zu Recht spricht das Sitzungspublikum von einer sehr guten Sitzung, die der KVD 2009 auf die Beine gestellt hat. Wohl wahr!

(Jens Dörr)

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