Raum aus der Traumwelt

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„Crepusculum“ (Zwielicht, Dämmerung) der Isländerin Gabríela Fridriksdóttir ist zur Buchmesse in der Kunsthalle Schirn zu sehen.

Frankfurt - In Island, Ehrengast der Frankfurter Buchmesse, gehört magisches Denken zum Weltbild. In altnordischen Liederhandschriften und Sagas wimmelt es vor Drachen, Naturgeistern, Gestaltwandlern, Schamanen, Hexen und Riesen. Von Reinhold Gries

Sie sind im Bewusstsein verankert und bilden – vertreten durch acht Manuskripte vom 12. bis 17. Jahrhundert – den Unter-, Mittel- und Hintergrund, aus dem Gabríela Fridriksdóttir die mythische Rauminstallation „Crepusculum“ wachsen lässt.

In der Schirn hat sie aus Sand und Lehm, Wurzelholz und Baumstämmen, Seilen und Glaskolben eine Wüste gebaut, die in abendlichem Dämmerlicht liegt. Um kunstvoll beschriebene und illustrierte Codices, die Island nie zuvor verlassen haben, tut sich die Tag-Nacht-Welt einer verdunkelten Landschaft auf, durch geheimnisvolle Zeichen und Klänge so irritierend wie faszinierend.

Rätselhafte Traumbild-Videoprojektionen und fremdartige Toncollagen oszillieren zwischen Motiven nordischer Sagas, Horrorfilme und Heavy Metal. Kreaturen tauchen auf, grob vernäht aus Fell oder Jute, gefüllt mit Teig, Haaren, Heu, Bandagen und Schlamm. Aus deren Körperöffnungen windet sich Wurm- oder Gallertartiges. Dazwischen eine Nomaden-Jurte mit dunkel gefüllten Glaskolben, die den geleerten im Wüstensand entsprechen.

Ideen aus Träumen

Fantasievoll dekonstruiert die 40-jährige Isländerin überlieferte Erzählmuster und Handlungen, reißt filmische Erzählstränge auseinander. Dabei verschmäht sie Blutströme oder gespenstische Nebel aus Mehlstaub nicht, an archaische Rituale von Naturvölkern erinnernd. Bilderfolgen zeigen die Künstlerin – im Atelier, auf Blättern im Wüstensand schreibend, in Büchern blätternd, gestrandet wie ein Flugzeugtorso. Die Bildchoreografie und Mythologie ist für Mitteleuropäer wenig eingängig. Kraftvoll wie sensibel ist, wie die Avantgardistin aus Rejkjavik, die in Brüssel lebt, Vergangenes und Gegenwärtiges, Spirituelles und Sexualpsychologisches zusammenfügt. Auch fragil gezeichnete Kopfwesen und Figurationen mit eigenem Zauber.

Die Ideen entwickelt Fridriksdóttir aus Träumen, die sie in Zeichnungen festhält. Dazu sucht sie Materialien, um bestimmte Gefühle hervorzurufen. In spiralförmigem Arbeitsprozess dreht sie diese in eine Welt, die es nie gegeben hat. Aus Zeichnung wird Malerei, aus Film Fotografie.

„Pislarsaga“ und „Völsunga saga“

Alles ist von Fridriksdóttir fantasiert, entworfen, geformt, gebaut, gefilmt, komponiert, gemalt und gezeichnet – bis hin zu Tisch, Tischdecke und aufliegender Zeichnung. Auch alles, was ihre Figuren am Leib oder um sich tragen oder von sich geben. Kurator Matthias Wagner führt aus: „Um das Werk spannt sich eine Membran, die man durchstoßen muss. In dem Moment, in dem man sich beim Betrachten einer Zeichnung, einer Fotografie oder einer Filmszene berührt fühlt, durchbricht man diese Membran und wird wie in einem Strudel hineingezogen in ihr Universum.“

„Gabríela Fridriksdóttir: Crepusculum“, Kunsthalle Schirn, Römerberg, Frankfurt. Geöffnet von heute an bis 8. Januar 2012: Dienstag, Freitag bis Sonntag 10 bis 19, Mittwoch/Donnerstag 10 bis 22 Uhr

Wie die schamanenhaft und ausgeklügelt arbeitende Künstlerin elementare Bilder, auch „Schmutziges“, aus persönlichem wie kollektivem Unterbewussten holt, mischt Schönes und Zartes mit Dunkelheit, Brutalität, Begierde und Melancholie. Fridriksdóttirs Lyrik um die „Weissagung der Seherin“ aus Götterliedern der Alten Edda führen zurück zu kostbaren Pergament-Handschriften, deren Ritter- und Vorzeitmotive voller Verwünschungen, Trance und Wikingerzauber stecken. „Rökkurbysnir“, „Melsteds Edda“, „Egils saga“, „Pislarsaga“ oder „Völsunga saga“: Weit weg sind sie samt Drachentöter Sigurd, Götterdämmerung und Martyrien nicht von mythischen Gestalten, die auch Bühnen bevölkern.

Quelle: op-online.de

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