„Vielfach verortet“ – 50 Künstler der Darmstädter Sezession stellen an vier Orten in der Stadt aus

Raumnot erweist sich als Glücksfall

Ute Dörings „Sehnsucht III“ Fotos: Gries

Darmstadt - Manche Raumnot hat ihr Gutes, auch für die 1919 gegründete Darmstädter Sezession, eine der renommiertesten Künstlervereinigungen Europas. Geplant war deren 36. Ausstellung auf der Mathildenhöhe, doch deren Hallen werden renoviert. Von Reinhold Gries

Die Ausweichquartiere im Museum Künstlerkolonie und Designhaus daneben, in der Ziegelhütte wie der Regionalgalerie erweisen sich als Volltreffer, eröffnen 50 Künstlern neue Dimensionen.

Das Offenbach-Darmstädter Künstlerpaar Monika Golla/Nikolaus Heyduck nutzt dies zu zwölfteiliger Klanginstallation. Hohe, hochglanzlackierte Stelen vereinen sich mit halbhohen Säulen zu beeindruckendem „Öl“-Panorama. Dazu tuckert, blubbert und brummt es rhythmisch aus aufmontierten Lautsprecher-Chassis mit Ölkännchen als Bekrönung im Stil von Pagodendächern. Auf breitem Kasten duellieren sich zwei Ölkännchen, mit Ranil Beyers Sedimentgestein-Fotos von der Erdgeschichte in brisante Rohstoff-Gegenwart führend.

Das Unbehagen setzt sich in Lukas Einseles opulent fotografiertem Stillleben fort, das sich aus der Nähe als kulinarische Aufreihung von Sprengstoffpäckchen erweist. Bissig führen auf Metall gedruckten Bildmontagen Ute Dörings den Diskurs fort, Fotos aus der demilitarisierten Zone zwischen Nord- und Südkorea mit DDR-Postkartenmotiven zu frappierender Ostalgie kombinierend. Raumrätsel bereitet dazu HfG-Absolventin Barbara Eitel mit dem hölzernen Hängeobjekt „Teerhof Nr. 40“, in dem man mit den Augen über mehrere Ebenen und durch verschieden verklappte Türen spaziert ohne je anzukommen.

Irritierend auch Martin Brügers keineswegs benutzbare Pseudo-Küchengeräte „Privileg 2“ und „Tefal 2“. Daneben bricht aus Siegfried Kreitners motorgesteuerten Gehäusewänden der Raumstelle „I 2011“ faszinierend langsam gleißend-farbiges Neonlicht heraus und zieht sich wieder zurück.

Die holzvertäfelte Eingangshalle des Designhauses dominieren die Video-Sequenz „Still“ des HfG-Absolventen Jan Brand und Anita Tarnutzers ins Imaginäre führende Videoüberlagerung „Die zweite Nacht“. Taghelles präsentieren Irene Weingärtners großformatige „Seismographische Aufzeichnungen“, Tobias Wootons coole Landschaftsaufnahmen und Melanie Grocks mit Tusche und Aquarell fein auf große Bahnen aufgetragene Superstrukturen. Diana Kühns fotografische Pigmentdruck-Tableaus zeigen inneres Chaos und Weltschmerz Pubertierender selten treffend. Sehr ansprechend ist auch Esther Ernsts 16-teiliger Zeichenkosmos „Atlas“.

Im Kunsthaus ragen neben dekorativem Gipsabguss der Offenbacherin Laura Baginski, Bronze-Köpfen des ehemaligen Werkkunstschülers Bernhard Jäger und Matthias Wills Vierkantstahl-Gebilden Sigrid Siegeles Ziegelplastiken „Arche 7/8“, Hagen Hilderhofs kristalline Karton-Figurationen und die collagierte „Würfels Lust“ der Dreieicher HfG-Absolventin Gloria Brand hervor. Auch unter den Zeichnern in der Regionalgalerie finden sich Spitzenwerke: die „Haut“-Serie der Offenbacherin Bea Emsbach, feinste Zeichnungen des in Offenbach wirkenden Konkreten Rolf Kissel und Treppenmotive der ehemaligen HfG-Dozentin Renate Sautermeister.

‹ „Vielfach verortet – Darmstädter Sezession 2011“ bis 21. August in Museum Künstlerkolonie und Designhaus an der Mathildenhöhe (Dienstag bis Sonntag 11-18 Uhr), Ziegelhütte (Donnerstag bis Sonntag 11-18 Uhr), Regionalgalerie, Luisenplatz (17.-31. August, Montag bis Freitag 8-15 Uhr)

Quelle: op-online.de

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