Reformer mit sozialem Gewissen

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Siedlung Riederwald (1929)

Frankfurt - Am 27. Juli 1886, vor genau 125 Jahren, wurde der wegweisende Architekt und Stadtplaner Ernst May in Frankfurt geboren. Von ihm gestaltete Stadtteile zwischen Neuem Bauen und Gartenstadtbewegung prägen das Gesicht der Mainmetropole bis heute. Von Reinhold Gries

Das Deutsche Architekturmuseum widmet dem Pionier der Neuen Sachlichkeit, der die Montagebauweise nach Deutschland brachte, die erste umfassende Retrospektive. Sie reicht von der Kaiserzeit bis in die BRD der 60er, führt zu Mays Wirken über drei Kontinente und zeigt einen energischen Reformer mit ausgeprägt sozialem Gewissen.

Wittelsbacher Allee (1929)

Auf zwei Etagen zeigen oft noch nie gesehene Fotografien und Filme, Pläne und Modelle, dazu eine aufwändige 3D-Projektion Vielfalt und Ausmaß der May-Projekte. Ihm ging es um Funktionalität und menschlichen Inhalt, bis hin zu gut abgestimmter „Frankfurter Küche“ und technisiertem Haushalt. Ideen gewann der Sohn eines Lederwarenherstellers bei Studien an der TH Darmstadt, bei Münchener Werkbund-Lehrern, dann in London bei Raymond Unwin, von dem er Modelle zur Garten- und Trabantenstadt mitbrachte. Diese setzte er bis zu seinem Tod 1970 in die Tat um.

Die Werkschau beginnt bei virtuosen Zeichnungen und spätbarocker „Vier-Villen-Gruppe“ in Frankfurt, wo May ab 1913 als selbstständiger Architekt wirkte. Für erfolgreiche Planertätigkeit in Schlesien ab 1919 stehen „Selbsthilfehäuser“ und einfache Arbeiter-Wohnsiedlungen. 1925 wurde May zu Frankfurts Stadtbaurat berufen. Um die enorme Wohnungsnot zu lindern, initiierte er das Wohnungsbauprogramm „Neues Frankfurt“, mit Martin Elsaesser, Designerin Grete Lihotzky und anderen fortschrittlichen Architekten. Neben neuartiger Grünzugplanung schuf sein Team bis 1930 in Frankfurt über 12 000 erschwingliche Wohnungen, setzte neue soziale und hygienische Standards.

„Zickzackhausen“ und Höhenblick

Das Spektrum reicht vom Ginnheimer Ernst-May-Haus über das Niddatal-Projekt mit den Großsiedlungen in Praunheim und Westhausen bis zu naturangepasster Bebauung am Bornheimer Hang und Riederwald. Für individuelle Ausprägungen stehen das sägezahnartige „Zickzackhausen“ an der Bruchfeldstraße, an geschwungenen Niddalauf angepasste Römerstadt-Fluchten oder mit Farbflächen gegliederte Siedlungen wie Höhenblick.

Als Sprachrohr diente May die Zeitschrift „Das Neue Frankfurt“. Die Weltwirtschaftskrise brachte das Programm 1930 zum Erliegen. May folgte dem Ruf in die UdSSR, um Generalbebauungspläne für sibirische Industriestädte wie Magnitogorsk und Kusnezk oder einen Generalstadtplan für Moskau zu entwerfen. May geriet in Grundsatzdiskussionen und verlängerte 1933 seinen Arbeitsvertrag nicht, ging dann ins Exil nach Kenia. Vom Baubüro in Nairobi aus entstanden bald neue Standards für Afrika, für aufwändige Hotels wie für Einfamilienhäuser.

Ernst May

1954 übersiedelte May in die Bundesrepublik, um die Planungsabteilung der „Neuen Heimat“ Hamburg zu übernehmen. Von Neu-Altona, Lübeck-St. Lorenz und Bremen reichten seine Trabantenstädte über Braunschweig und Berlin bis zum „Neuen Mainz“ und Kranichstein. Mays Prinzip „Urbanität durch Dichte“ wird transparent, auch in seinen sozialen Auswirkungen. Nicht nur damit ist die Retrospektive ein wichtiges Dokument deutschen Daseins im 20. Jahrhundert.

Quelle: op-online.de

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