Prokofjews „Der Spieler“

Reif für die Anstalt

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Letzte Ausfahrt Roulettenburg: Harry Kupfers Inszenierung spielt auf einer schrägen Scheibe vor Videowänden.

Frankfurt - Zwei erfahrene Macher garantieren den Erfolg. Genau hingehört hat Altmeister Harry Kupfer bei Sergej S. Prokofjews Oper „Der Spieler“, der auch die grotesken Momente dieser Tragödie szenisch fixiert. Von Klaus Ackermann

Und mit Weltstar Anja Silja bezeugt eine Sopranistin Charakter, die vorlagegemäß als einzige die Doppelbödigkeit der allesamt beschädigten Helden erkennt und in ihren wenigen Auftritten alte stimmliche Stärken zeigt. Als Titelheld hat Frank van Aken in seinem nervenzehrenden Part alle Sympathien. Hier unterstützt von Generalmusikdirektor Sebastian Weigle, der die sperrigen musikalischen Verhältnisse nicht nur präzise durchdringt, sondern mit dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester eine schlüssige Dramaturgie entwickelt. Und selbst im heftigen dynamischen Schub die Sänger nicht zudeckt.

Letzte Ausfahrt Roulettenburg: Wiesbaden oder Bad Homburg scheinen nicht fern in dieser auf dem Roman des Russen Dostojewski basierenden Oper, deren Libretto vom Komponisten stammt. Und eine der Gier nach Geld verfallene Gesellschaft zeigt, die auf eine Erbschaft hofft. Doch die angeblich todgeweihte alte Tante erweist sich als quicklebendig und macht allen einen Strich durch die Rechnung.

Auf spitzwinklig angeordneten Videowänden scheint Las Vegas nahe. Auch im Bühnenmittelpunkt, einer schrägen Roulette-Scheibe auf der sich streng choreografisch Spieler gegenseitig anfeuern. Links davon das Hotelfoyer und rechts eine Art Klinik mit Tropf und Rollstühlen (Ausstattung: Hans Schavernoch). Denn die Helden im Frack und Abendkleid der Uraufführungszeit 1929 (Kostüme: Yan Tax) sind durchweg reif für die Anstalt.

Keine Arien, aber dafür vielschichtige Motive und eine Orchestersprache dicht am Wort, von den Helden singend deklamiert. Dass man ihrem brutalen modernistischen Druck standhält, dafür sorgt Harry Kupfer, der das Bewegungs- und Ausdrucks-Arsenal seiner genialen Personenregie bis in rhythmische Umsetzung hinein aus der Musik ableitet. Und in Weigle einen Verbündeten hat, der diesen angelegentlich burlesk anmutenden, sporadisch sinnlichen, überwiegend barbarischen Tonfall umsichtig ausbreitet, aber auch dynamisch Zwischengas gibt, wenn Katastrophen nahen.

Da rollt nicht nur die Lichtkugel, selbst die Sessel-Garnitur kreiselt – und schließlich dreht sich alles ums Geld. Auch beim General a. D., den Clive Bailey mit leidensfähigem Bass gibt. Der dringend die Erbschaft benötigt, um seine Schulden loszuwerden, die er bei dem undurchsichtigen Marquis hat (Tenor Martin Mitterrutzner in aalglattem Habitus). Und um die geliebte Blanche bei Laune zu halten – Claudia Mahnke als Salonschlange, die ihre Gunst nur den Vermögenden schenkt, hat man kaum wiedererkannt.

Stark ist dieser General, wenn er erfährt, dass die alte Babuschka – Anja Silja liest den Anverwandten die Leviten in höchsten Tönen, wirkt anrührend in nachdenklichen Passagen und zeigt enorme Bühnenpräsenz – ihr Vermögen selbst verzockt hat und der Unselige von weißen Klinik-Geistern in die Zwangsjacke gesteckt wird.

Dann ist da noch der schon unheimlich gut informierte Mr. Astley – Bariton Sunkon Kim, stimmlich so elastisch wie charakterlich schillernd. Allein dem Hauslehrer Alexej zugetan, Frank van Aken, mit kraftvoll aufbegehrendem Tenor, aufrichtig in seiner Liebe zu Polina, Stieftochter des Generals, doch auf verlorenem Posten. Sopranistin Barbara Zechmeister ist gleichermaßen liebenswertes Mädel und raffiniert durchtriebene Frau, tritt selbst zum unseligen Schluss nicht nur auf die Gefühle des Hauslehrers, der beim Spiel die Bank gesprengt hat, dessen Geld sie aber ablehnt.

In Frankfurt bleibt dem gedemütigten Alexej nur noch die Kugel – aus der Pistole. Und der heiße Tanz auf dem Vulkan endet mit einer schrillen Dissonanz.

  • Noch am 18. und 20. Januar sowie am 15., 17., 22. und 24. Februar. Karten gibt es unter Tel.: 069/21249494

Quelle: op-online.de

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