Reigen unseliger Geister

Woher der Maler Dalí (Carl Achleitner, Mitte) seine surrealen Bildideen bezieht, wissen nur Dr. Yahuda (Willy Höller, links) und Professor Freud (Maximilian Achatz) ... Foto: Helmut Seuffert

Der alte Herr hat bessere Tage gesehen. Draußen rinnt der Regen, drinnen liegt er im Halbdunkel, hat eine Spritze bekommen und hört Bachs Kantate „Ich habe genug“. Er hat als Jude 1938 Wien verlassen und im Londoner Exil noch ein Jahr zu leben. Der Krebs zerfrisst ihn wie der Nationalsozialismus seine Heimat. Morphium lindert die Schmerzen des Körpers, heilt indes nicht die Wunden der Seele.

Dies ist die Ausgangslage in Terry Johnsons Stück „Hysteria“, jetzt von Rüdiger Hentzschel mit großartigem österreichischem Schauspielerquartett im Frankfurter Fritz-Rémond-Theater inszeniert. Nach mehr als zweieinhalb Stunden zeigt sich das Premierenpublikum geschafft, doch tief beeindruckt.

Der Sterbende ist Sigmund Freud, der berühmte Psychoanalytiker. Sein guter Geist ist der nüchterne Arzt Dr. Yahuda, der ihn behandelt und mit dem er messerscharfe Dispute über Religion führt. Seine bösen Geister sind die junge Jessica, die seine Wohnung nicht räumen will, ohne einen Fall mit ihm geklärt zu haben – und der genialische Salvador Dalí, der ihn zum Paten seiner surrealistischen Malerei ernennt, die er nicht schätzt. Ob diese beiden Erscheinungen real oder einem Medikamenten-Alptraum entsprungen sind, lässt die Regie geschickt in der Schwebe.

Ebenso gekonnt balanciert der Text zwischen Komödie und Tragödie. Für die Komik ist der exzentrische Künstler zuständig, den Carl Achleitner als stolzen, von sich in der dritten Person radebrechenden und sich vergötternden Gecken gibt. Beauftragte für Ernst ist die Ratsuchende, die Monica Anna Kammerlander mit Anzeichen von Hysterie und Magersucht versieht. Den gesunden Menschenverstand vertritt der Mediziner, von Willy Höller mit trockenem Witz ausgestattet. Ungeheuer präsent zwischen Gebrechlichkeit und Geisteskraft ist Maximilian Achatz, der Freuds Gewissenspein im Angesicht des Todes erschütternd auf den Punkt bringt. Johannes Leitgebs Bühne und Alexandra Fitzingers Kostüme liefern immer wieder hübsche Bildeinfälle.

Zu lachen gibt es viel, zu denken noch mehr. Der Stoff ist harter Tobak; es geht um Kindesmissbrauch und um Freuds Theorie, die er später verwirft. Aber es lohnt sich! MARKUS TERHARN

Auf dem Plan bis 24. Mai

Quelle: op-online.de

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