John Jasperse bringt seine Auftragsarbeit für Forsythes Company auf Frankfurter Bühne.

Reise in Wunschwelten

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Dieser tänzerische Ringkampf endet mit einer Ohrfeige: Erin Cornell und John Jasperse liegen im Clinch.

Tanzsprachlich lässt John Jasperse eine Prägung durch William Forsythe erkennen. Ein Epigone ist der New Yorker Choreograf freilich nicht. Forsythe hat stilbildend gewirkt, auf seinen Errungenschaften lässt sich aufbauen. „Truth, Revised Histories, Wishful Thinking, and Flat Out Lies“, entstanden als Auftragsarbeit der Forsythe Company und nach der Premiere in New York an For sythes Frankfurter Spielort im Bockenheimer Depot, ist eine Reise in die Welt der Wünsche. Die Lehre von der Dunkelheit als Ort des Unbewussten kehrt dieses zweiteilige, von Jasperse mit seiner Company entwickelte Stück um.

Es beginnt an einem Ort, der Züge eines Nachtclubs oder einer Disco trägt. Die Tänzer, das Doppelpaar Neal Beasley, Erin Cornell, Eleanor Hullihan und Kayvon Pourazar, tragen glitzernde Kleidung, die Frauen schwarze Minikleider. In der linken Hälfte des dunklen Raums zieht sich eine Tapetenbahn von der Rückwand über den Boden bis zur Rampe.

In leichtfüßiger Überlagerung macht sich mit der Erkundung der Psyche der Tanz selbst zum Thema. Jasperse tritt in einer Szene auf, in der eine Stimme ihn zur Optimierung seines tapsigen Agierens anhält. Als Libero, der freie Mann im Geschlechterspiel, wartet Jasperse später mit Zauberkunststücken auf.

Die Struktur ist im ersten Teil suitenartig. Einmal sind alle vier oben ohne; dann lagern die Frauen unter dem Rauschen von Meereswellen am Strand, Sonnenschirm und Bikinis im gleichen floralen Dekor wie die Tapete. Die Männer, maskiert, verstricken sich in einen Kampf mit und ohne Gewehr.

Nach der Pause ist alles weiß, Rückwand und Boden, die Kleidchen, die Bermudas. Die Musik hat sich in der ersten Hälfte aus dem Fundus von Disco, House und Hip Hop bedient. Nun treten die Streicher in harmonischer wie rhythmischer Auflösung und Zerdehnung in Erscheinung. Wie unter der Lupe erscheinen die geheimen Wünsche.

Jasperse tritt mit einem piktografischen Liebespfeil auf, seine Figur bedrängt in einem in Zeitlupe ausgeführten Spiel der Fantasie eine Tänzerin. Es kommt zum Ringkampf, der nach der Rückkehr in die Wirklichkeit mit einer realen Ohrfeige endet. Die finale Szene – die Tänzer haben sich Häkeldeckchen übers Gesicht gestreift – erinnert an den Surrealismus. Dieser Abend, samt Pause etwa eindreiviertelstündig, ist gekennzeichnet durch fabelhafte Balance von Tiefe und humorvoller Leichtigkeit. STEFAN MICHALZIK

Weitere Aufführungen am 7., 8. und 9. Mai jeweils um 20 Uhr im Bockenheimer Depot

Quelle: op-online.de

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