Klaviatur der Gefühle virtuos bespielt

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Online-Konversation kann kurzweilig sein, beweisen Barbara Kowa und Jerry Marwig in Peter Kühns Inszenierung.

Frankfurt - Dass Männer und Frauen auf unterschiedliche Weise kommunizieren, ist hinlänglich bekannt. Um mehr als zwei Jahre komplett aneinander vorbei zu reden und sich, ohne einander je gesehen zu haben, dennoch in den anderen zu verlieben, braucht es jedoch ein ausgefeiltes Drehbuch. Von Maren Cornils

Mit seinem Buch „Gut gegen Nordwind“ hat der Wiener Journalist Daniel Glattauer 2006 bewiesen, dass das Medium E-Mail nicht unbedingt immer zur Verständigung beiträgt, indem er seine Hauptfiguren, die lebenslustige Emmi und den grüblerischen Leo seitenlange Dialoge und Wortgefechte führen ließ.

Mit „Alle sieben Wellen“ folgte 2009 die Fortsetzung der Mail-Romanze, und auch diesmal wieder hat das Rémond-Theater sich an eine Inszenierung gewagt, die Peter Kühn besorgte. In den Hauptrollen Barbara Kowa und Jerry Marwig, die bereits im ersten Teil bewiesen, dass Online-Konversation nicht langweilig sein muss und ein guter Stoff auch ohne Handlung auskommt – zumindest ohne offensichtliche. Denn unter der Oberfläche spielen sich, in den Köpfen und Herzen, kinoreife Romanzen und Tragödien ab.

Sie schmollt, flirtet und wird auch mal ausfällig

Auch in der Fortsetzung gibt Jerry Marwig den etwas brummigen, im Grunde seines Herzens aber urromantischen Leo, der in der Liebe nach einer „Alles-Illusion“ sucht und von Emmis Extrovertiertheit ebenso angezogen wie abgestoßen ist. Emmi hingegen – von Kowa bravourös als quirliger und wankelmütiger Rotschopf verkörpert – bedient sich bei ihrem E-Mail-Verkehr der gesamten emotionalen Klaviatur: Sie gibt mal die Unnahbare, dann wieder den Kumpel, macht ihr Gegenüber erst heiß, um ihn dann brutal auf den Boden der Tatsachen zurück zu holen.

Sie gaukelt Nähe vor, um sich dann wieder zu entziehen, sie schmollt, flirtet und wird auch mal ausfällig, wenn es nicht so läuft, wie sie es sich vorgestellt hat. Und das tut es auch in der Fortsetzung des Fernflirts ziemlich oft. Zwar begegnen sich die beiden Verliebten öfter, einem Happy End bringen sie das jedoch nicht näher. Im Gegenteil: Erst muss Leo eine Affäre mit einer Amerikanerin abhaken und Emmi ihre Ehe zu Grabe tragen, dann endlich überrollt die siebte Welle auch die beiden Streithähne.

Dialog-lastiges Boulevard-Kammerspiel

„Alle sieben Wellen“ in der Inszenierung von Peter Kühn ist ein Dialog-lastiges Boulevard-Kammerspiel, ein hervorragendes Beispiel dafür, dass Sprache, wie schon Immanuel Kant argwöhnte, ein Instrument des Missverständnisses sein kann. Dass Kowas und Marwigs ausufernde Konversation nur zum Ende hin etwas ermüdend wird, ist den Darstellern zu verdanken, die Glattauers Text nicht verlesen, sondern mit ganzem Körpereinsatz spielen.

Reizvoll und faszinierend sind dabei insbesondere die zutage tretenden charakterlichen Kontraste. Während Emmi mit ihren kamikazeartigen Ausbrüchen Leos Gefühle kurzerhand dem Erdboden gleichmacht und sich dann über dessen Schweigen wundert, stößt Leo Emmi mit seiner mangelnden Risikobereitschaft vor den Kopf. Ist sie zickig, sucht er die Annäherung, gibt er die Beziehung auf, kämpft sie darum – ein Prinzip, das dank Marwig und Kowa über weite Strecken bestens funktioniert.

Noch bis 20. Mai im Fritz Rémond Theater im Zoo. Karten gibt es unter der Telefonnummer  069 435166

Quelle: op-online.de

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