„Je t’Adorno“ am Schauspiel Frankfurt

Sehnsucht und Fußgängerampel

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Endstation Sehnsucht: Pappkartons und ein Straßenbahnwagen auf der Bühne des Bockenheimer Depots.

Frankfurt - René Pollesch gilt als einer der führenden Theatermacher. Sein Stück „Je t’Adorno“ wurde jetzt im Schauspiel Frankfurt uraufgeführt. Von Stefan Michalzik 

Die Mittel sind vertraut, und das Motiv auch. Zwischenzeitlich machte es den Eindruck, das Theater von René Pollesch würde sich in einem selbstbezüglichen Leerlauf der Überproduktion verlieren. Dieser Abend nun, was soll man sagen - leidlich amüsant ist er. Es geht, wie praktisch immer bei Pollesch, um den Einzelnen und die Anderen, um das Individuum und die Gesellschaft. Erstmal ist Popmusik zu hören, laut und drall, die Grundierung für eine anhaltend beschwingte Atmosphäre. Theater, das ist bei Pollesch auch eine offensive Form von Entertainment.

Quer über die großen deutschsprachigen Theaterstädte betreibt Pollesch als Autorenregisseur einen Filialbetrieb, bis zu einem halben Dutzend Stücke per Saison kommen dabei heraus. Nun auch wieder eines am Frankfurter Schauspiel, für „Je t’Adorno“ hat er die Castorf-Veteranin Silvia Rieger von der Berliner Volksbühne mitgebracht und Castorfs Bühnenbildner Bert Neumann. Die langzottelige Mittfünfzigerin Rieger agiert in Ringelpulli und Glitzermini als Anführerin eines Trupps um die vier jüngeren hiesigen Ensemblemitglieder Linda Pöppel, Vincent Glander, Oliver Kraushaar und Lukas Rüppel; die Männer sind mit Rockabilly-Tollen frisiert, die Kostümbildnerin Tabea Braun hat die Jungen in nietengesäumte Jeansanzüge oder Lederjacke gesteckt.

„Werkzeug der Gesellschaft“

Ein hellhölzerner Straßenbahnwagen - ein Verweis auf die frühere Nutzung des Bockenheimer Depots - nach Manier der alten Zeit durchbricht die aus Kartons bestehende Projektionswand. Spielerisch-lustvoll zieht und schiebt das Grüppchen den Wagen in Schlangenlinien über die Bühne, weitere Kartonwände an den Seiten werden zum Einsturz gebracht. Gemeinschaftlich bauen die Spieler in einem Balanceakt einen ganz hohen Turm aus den Kartons - bis das schwankende Gebilde irgendwann umstürzt.

„Desire“, Sehnsucht, steht in Anspielung an Tennessee Williams auf dem Wagen. Es geht um die Liebe als Ort des vermeintlichen Einsseins mit sich selber, laut Adorno handelt es sich aber um ein „Werkzeug der Gesellschaft“. Immer wieder zitiert wird zudem Adornos Aufruf zur Schaffung einer Fußgängerampel an der universitätsnahen Senckenberganlage, auf dass Professoren und Studenten im „gedankenverlorenen“ Zustand die Straße ohne Gefahr überqueren können.

Züge aus alten Filmen fahren auf die Spieler zu

Im Innern der Bahn ketten sich die Schauspieler wie Sträflinge aneinander. Das will das pointierte Bild sein für die Adornosche Analyse, derzufolge für den Einzelnen die Gesellschaft, auch die Partnerschaft ein Zwangssystem darstellt, auf das er allerdings nicht verzichten kann. Räsoniert wird darüber mit Pollesch’schem Textreichtum im Innern der Bahn mit Videoprojektion nach außen, oder im Sträflingszug zwischen den Kartons hindurch. In letzterem Falle tragen die Stimmen nicht immer, manches ist nicht zu verstehen. Ganz zu folgen ist dem Sprachstrom über die gut anderthalb Stunden hinweg ohnedies nicht.

Zitatsplitter und Zeichen werden kaleidoskopisch miteinander verwürfelt. Es gibt eine Verdrechselung von Tennessee Williams und Brecht, die Straßenbahn aus „Endstation Sehnsucht“ wird kurz zum Marketenderwagen der Mutter Courage. Züge aus alten Filmen fahren auf die Spieler zu, wie Menschen aus der Frühzeit des Kinos springen sie beiseite, als ob sie die Fiktion nicht durchschauen.

Musikgrüße an die Offenbach-Post vom HipHop-Jam

Als Philosoph und Soziologe, heißt es im Programmheft, sah Adorno seine Aufgabe vor allem darin, Phänomene zu deuten. So weit geht Pollesch nicht. Es ist eine Schärfung der Betrachtung, auf die er bedacht ist. Mit dem schieren Spaß als strategischem Mittel. Den kann man dabei haben, auch wenn alles sich auf wohlbekanntem Terrain bewegt.

  • Weitere Aufführungen am 14., 15., 20., 24., 26. und 31. März. Karten 069/21249494

Quelle: op-online.de

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