Ein Rest von Kultur

„Bummsti!“, der titelgebende Ausruf der Lesung zum Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl in der Box des Frankfurter Schauspiels stammt aus Karl Kraus’ „Die letzten Tage der Menschheit". Von Stefan Michalzik

Sämtlich führen die drei Werke, aus denen die Schauspieler Oliver Kraushaar, Wolfgang Michael und Andreas Uhse gelesen haben, in eine Welt nach der durch einen atomaren Krieg ausgelösten Apokalypse.

Derweil in Arno Schmidts 1960 fünf Jahre nach dem Atomkrieg spielenden Roman „Schwarze Spiegel“ von 1949 unter der Begegnung zweier Überlebender verschiedenen Geschlechts eine männliche Vergewaltigungsfantasie nicht mehr als ein kurzer Anflug ist, Rudimente der menschlichen Kultur mithin auch im Untergang gewahrt bleiben, zeigt der auf das Jahr 1989 zurückgehende Roman „Stadt der Engel“ des in London lebenden Autors J.S. Russel ein Unwesen der marodierenden Horden.

Als Zuchtbulle der Gesellschaft aufhelfen

In der 1969 erschienenen Erzählung „Ein Junge und sein Hund“ des Amerikaners Harlan Ellison streift ein Junge durch die vom Atomkrieg zerstörte Welt. Er soll in die Unterwelt gelockt und als Zuchtbulle der mangelnden Zeugungsfähigkeit in dieser faschistoid organisierten Gesellschaft aufhelfen.

Das Zuhören hat Spaß bereitet: Wegen der in einer zurückhaltenden Weise süffisanten Art, mit der Oliver Kraushaar die Stelle aus dem Arno Schmidt vorgetragen hat. Wegen der nüchternen Emphase, die Andreas Uhse – mit Dialogbeiträgen Kraushaars – bei der gekürzten Fassung von Harlan Ellisons Erzählung an den Tag gelegt hat. Und der launigen Sprödigkeit von Wolfgang Michael zu J.S. Russel.

Aufklärerisch im Sinne einer Mahnung war dies nicht. Die ist in der Kunst überflüssig, und sie wäre in der Zeit der geklärten Fronten umso mehr ein sinnloses Unterfangen. An einem solchen Tag wie an jedem anderen.

Quelle: op-online.de

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