Parsifal beim Analytiker

+
Burkhard Fritz und Detlef Roth

Bayreuth - Wieder die brisante Mischung aus Tiefenpsychologie und Geschichtsbewältigung. Noch als fünfte Wiederaufnahme schlägt Stefan Herheims „Parsifal“-Inszenierung bei den Bayreuther Festspielen in Bann. Von Klaus Ackermann

Zumal Philippe Jordan, der neue Mann am Dirigierpult, das gewisse Wagner-Feeling hat – voller Spannung ist die Musik. Eigentlich müsste „Parsifal“, in dessen Rolle jetzt der Hamburger Burkhard Fritz schlüpfte, „Gurnemanz“ heißen. Denn diesen Grals-Chronisten mit seinen schier unendlichen Monologen prägt keiner so intensiv und charakterstark wie Bassist Kwangchul Youn, der auch den meisten Beifall erhält.

Ob nun geliebt, gelitten oder gestorben wird, immer rückt ein Bett in den Mittelpunkt der Bühne, die das Festspielhaus wie Wagners Villa Wahnfried nachstellt. Wo das dauerhaft in diesem Spiel präsente Kind Parsifal den Tod der Mutter erlebt, die so viel Ähnlichkeit mit der Verführerin Kundry hat. Und in der wilhelminischen Kadettenanstalt mutiert der Knabe sogar zum Greis, der Titurel sein könnte (gesungen aus dem Off von Bassisten Diógenes Randes), Vater des unseligen Amfortas, der das Keuschheitsgebot der Gralsritter brach, den heiligen Speer an den teuflischen Klingsor verlor und den fortan eine offene Wunde plagt. Die nur schließen kann, wer den Speer zurückbringt.

Rätselhaft bleibt die Geburt eines Kindes

Burkhard Fritz gibt diesen Parsifal, der durch Mitleid wissend wird, mit unaufdringlichem Tenor, stark indes in Momenten der Erkenntnis. Detlef Roth schafft als Amfortas wieder große Anteilnahme mit seinem selbst im Leid ungebrochenen Bass. Rätselhaft bleibt die Geburt eines Kindes, das er während der Gralszeremonie zum flüchtigen Streicheln hinhält, eine Art Abendmahl vollziehend, das auch den Soldaten gereicht wird, die in den Ersten Weltkrieg ziehen.

Viele Betten stehen in Klingsors Zaubergarten, der vom Lazarett, die Blumenmädchen sind Krankenschwestern und gesanglich Wagners Rheintöchtern verwandt, zum Bordell mutiert, in dem es hoch hergeht. Zur Freude des als Transvestit denunzierten gefallenen Ritters. Thomas Jesatkos geschmeidiger Bass hat freilich so gar nichts Teuflisches. Er wird den Speer auf Parsifal werfen, den Kundry nicht verführen konnte – Susan Mcleans Mezzosopran hat da durchaus berückende Momente. Doch der zum Mitwisser gewordenen Parsifal fängt den Speer auf und bombt sogar die braunen Horden in Wagners Villa einfach weg.

Wie der Adler mit Hakenkreuz liegt auch Wahnfried in Schutt und Asche. Zu den zarten Holzbläser-Passagen auf fein gewebtem Streicher-Grund des „Karfreitagszaubers“ (Dirigent Jordan bringt bei moderaten Tempi Spannung in diese musikalische Endlosschleife aus Motiven und ihrer dramatischen Verknüpfung) erklimmen Trümmerfrauen die Bühne. Noch immer etwas zwanghaft mutet die Verbindung deutscher Nachkriegsgeschichte mit dem Ritter-Mythos an. Vor allem, wenn im Reichstag der stimmlich fein austarierte „Abgeordneten“-Chor „Höchsten Heiles Wunder“ besingt und der Bundesadler zum Gral wird, der wie eine Seifenblase vom Himmel herabschwebt. Ironisches Happyend einer todernsten, aber immer kurzweiligen Geschichte.

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare