Ringen begabter Außenseiter um neue Kunst

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Elisabeth Dering, Selbstbildnis

Aschaffenburg - Im Schloss Johannisburg findet sich eine der weltgrößten Kunstsammlungen mit bedeutendem Bestand Alter Meister. Nach Neueinrichtung des Schlossmuseums steht dem Entsprechendes aus der Moderne gegenüber. Von Reinhold Gries

Dies vor dem Hintergrund, dass 400 Jahre nach Grünewald ein weiterer Großer aus der Stadt stammt: Expressionist Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938). Ein Förderkreis will im Geburtshaus (Ludwigstraße 19) ein Museum einrichten. Zudem will eine Stiftung 800 Originalwerke des Magischen Realisten Christian Schad (1894-1982) in ein Museum einbringen. Schad hatte nach Stationen in Zürich, Paris und Berlin seinen Lebensmittelpunkt in Aschaffenburg gefunden. Das Schlossmuseum gibt dazu Einblick in die neue Reihe „Meisterwerke“, beginnend mit der Sonderausstellung zu Elisabeth Dering (1921-1997).

Kirchners Hauptwerke bilden das Entree mit Ölgemälden wie „Baumgrenze“ und „Staffelalp“ aus seiner Schweizer Zeit. Beide stehen an der Schnittstelle zwischen Zusammenbrüchen als Folge eines Kriegseinsatzes und Suche nach Gesundung in Graubünden. Ab 1918 findet er oberhalb von Davos zu sich, unter Bergbauern stabilisiert er sich in Einheit von Mensch und Natur.

Von Vereinfachung und Neuem Realismus beeinflusste Bildnisse und Landschaften

Christian Schad, Bettina, 1942

Das ist den Bildern anzusehen, die von nervös gefiedertem Farbauftrag der Berliner Zeit zu neuen Farben und Formen vordringen. Angeregt durch beeindruckende Berg- und Wolkenformationen, gelingen Kirchner nach Überwindung der Lähmung in Händen und Füßen monumentale Panoramen, die aufs Spätwerk hinweisen – das durch NS-bedingten Freitod 1938 endet.

Auch Schads figuratives Werk litt unter Verfemung im Dritten Reich, wurde via Italien und Frankreich ab 1960 wiederentdeckt. Beginnend mit den expressiven wie kubistischen Werken „Kreuzabnahme“, „Zwei Kinder“ und „Katja“ von 1916/17 schlägt das Museum den Bogen zu eindrucksvollen Porträts wie „Marianne von Meixner“ (1922) und „Mexikanerin“ (1930) sowie überblendeten „Schadographien“ im Dada-Stil. Später nähert sich Schad bei „Notturno“ (1952), „Die Umgebung“ (1967) und „Bettina“ (1977) dem Klassizismus

In Aschaffenburg suchte auch die aus Husum stammende Spätexpressionistin Elisabeth Dering nach dem Zweiten Weltkrieg ihren Weg. Wer ihre von Vereinfachung und Neuem Realismus beeinflussten Bildnisse und Landschaften sieht, versteht, warum sie als Grande Dame fränkischer Moderne gilt. So lässt sich das Ringen begabter Außenseiter um Erneuerung der Kunst wie gesellschaftliche Gunst verfolgen, an vielen Werken, die noch nie ausgestellt waren.

‹ Schlossmuseum Aschaffenburg, geöffnet Dienstag bis Sonntag 10 bis 16 Uhr; Sonderausstellung „Die Sucht, das Malen – Elisabeth Dering“ bis 22. Januar

Quelle: op-online.de

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