Psychogramm eines Mörders

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Verkörperung alltäglicher Gewalt: Benedikt Greiner in der Titelrolle Foto: Hupfeld

Frankfurt - Da steht er, den Blick ins Publikum gerichtet, hochgeschossen und waschbrettschlank, in einem goldfarbenen Anzug nach modischem Schnitt, seine Augen wandern. Von Stefan Michalzik

Eine nicht unsympathische, aber etwas blasse Erscheinung, von jenem Typus, der bei Frauen Muttergefühle zu wecken geeignet erscheint. Nein, einen Serienmörder würde man hinter diesem jungen, zurückhaltend wirkenden Mann nicht vermuten.

Das Normale, die selbstverständliche Präsenz von Gewalt in unserer Gesellschaft ist es, um die es dem französischen Dramatiker Bernard-Marie Koltès, der 1989 mit 41 Jahren an Aids gestorben ist, in seinem letzten Stück „Roberto Zucco“ gegangen ist, das der junge österreichische Regisseur Philipp Preuss für die Kammerspiele des Frankfurter Schauspiels inszeniert hat. Das reale Vorbild, von dem Koltès bis zur Identifikation fasziniert gewesen ist, hat zuerst seine Eltern, später eine Reihe weiterer Menschen umgebracht und Frauen vergewaltigt; am Schluss beging er in der Zelle Selbstmord. Im Übrigen soll er ein klug und freundlich wirkender Mensch gewesen sein.

Koltès hat bekundet, dass es die mythologische Figur ist, die ihn interessiert hat, und Preuss folgt ihm auf dieser Fährte. Mythos = Pop: Das golden schimmernde Reliefpaneelenloch der Ausstatterin Ramallah Aubrecht könnte ebenso gut eine urbane Untergrundpassage wie ein Knast oder ein trendiger Tanzklub sein.

Am Anfang flackert ein Schriftzug mit dem Namen des Titelhelden x-fach über die Rückwand. Was sich in den anderthalb Stunden danach abspielt, ist eine geformt-krude Mischung aus Musical, Video, Travestieshow und Kasperltheater. Jeder verschwindet mal in einer von vier in die Wände eingelassenen Schnellfotoautomatenkojen und wird von dort aus per Videoprojektion zugeschaltet. Gewaltdarstellungen wirken ob ihres trashigen Zuschnitts eines ganz bestimmt nicht: verstörend.

New-Wave-Klassiker „Psycho Killer“ wird angestimmt

In der Summe erscheint diese Ensembleinszenierung, in der fast jeder außer dem Roberto-Zucco-Darsteller Benedikt Greiner mehrere Rollen spielt, kabarettistisch, aber wie mit einem Schleiflack von Coolness drüber gezogen. Christoph Pütthoff und Sébastien Jacobi als Polizisten wirken wie zwei pseudophilosophierende Feierabendintellektuelle, Heidi Ecks, eine der großartigsten Schauspielerinnen an diesem Haus, gibt einer eleganten Mercedesfahrerin Züge von Lebensverdruss hinter einer brüchigen Fassade von Grandezza, Lisa Stiegler als Mädchen ist einfach lieb, wie es heute so viele sind. Vom Rande her steuert Thomas Esser ein filmmusikalisch-atmosphärisches Klangbett bei.

Was ist davon nun zu halten? Diesen Menschen, in dem sich eine latente Gewaltbereitschaft in einer signalhaften Übergröße artikuliert, die sich üblicherweise im Straßenverkehr oder in eskalierenden nachbarschaftlichen Verhältnissen als Normalität darstellt, diesen Menschen hält diese Inszenierung auf Distanz. In die Tiefe der Persönlichkeit dringt Philipp Preuss so wenig vor wie Koltès – und das hat auch seine Richtigkeit, denn sonst wäre man ganz schnell beim reduzierten Blick auf das „Monster“, auf den Einzelfall.

Manches an diesem Abend ist ärgerlich, platt. Weshalb etwa muss die Titelfigur irgendwann den New-Wave-Klassiker „Psycho Killer“ der Talking Heads anstimmen? Das ist ohne dramaturgischen Wert. Insgesamt ist nicht das ganz große Gelingen an einem Stück, an dem sich das Theater die Zähne ausbeißen kann, zu bescheinigen. Wohl aber eine gewisses Maß an theatralischer Kraft. Man fühlt sich hineingezogen, und manchmal eben auch ob einer vermeintlichen Cleverness abgestoßen und gelangweilt.

Quelle: op-online.de

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