Landwirt - wie cool!

28-Jähriger macht Ausbildung auf dem Karolingerhof

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Fast jede Kuh auf dem Karolingerhof kennt Matthias Heinerich mit Namen. Die weiße „Franca“ liebt Streicheleinheiten.

Jügesheim - Lange Arbeitszeiten, kein Urlaub und die Launen der Agrarpolitik: Wer Landwirt werden will, muss eine Portion Idealismus mitbringen. So wie Matthias Heinerich (28) auf dem Karolingerhof bei Jügesheim. Von Ekkehard Wolf 

Für Betriebsleiter Sebastian Roßkopf ist er bereits der vierte Auszubildende. Etwa 150 Milchkühe stehen im Stall; mit der Nachzucht leben etwa 300 Tiere auf dem Karolingerhof. Die meisten Kühe kennt Matthias Heinerich mit Namen. Jede hat ihre Eigenheiten. „Franca ist eine Schmusekuh“, erzählt der 28-Jährige auf dem Weg in den Stall, „aber ich weiß nicht, ob sie mich heute kennt, ich war vier Tage nicht hier. Das sind halt alles Mädels im Stall, die dürfen auch mal zickig sein.“ Morgens und abends werden die Kühe gemolken. Alle anderen Arbeiten ranken sich um diese beiden Fixpunkte im Tagesverlauf.

Der Vorteil eines Milchviehbetriebs sind geregelte Arbeitszeiten von 6 bis 18.30 Uhr. Der Nachteil: Zu tun gibt es an 365 Tagen im Jahr. Urlaub ist ein Fremdwort. Warum ergreift jemand so einen Beruf? Wegen des Geldes gewiss nicht. Matthias Heinerich spricht von Lebensqualität: „Ich lebe mit der Natur, ich kann rausgehen.“ Ihn reizt die berufliche Selbstständigkeit und er liebt das familiäre Miteinander, wie es ein bäuerlicher Familienbetrieb mit sich bringt.

Familienanschluss gehört auch bei Roßkopfs dazu. Alle essen gemeinsam am großen Tisch. Eben noch sitzt die kleine Charlotte bei ihrem Vater auf dem Schoß, dann klettert sie an dem Auszubildenden hoch. Wenn man so viel Zeit miteinander verbringt, kommt es auch mal zu Unstimmigkeiten. „Aber da müssen wir durch“, sagt Sebastian Roßkopf. Die Arbeit muss getan werden. Spätestens beim Essen kann man einander wieder in die Augen gucken.

Zum Karolingerhof kam Matthias Heinerich auf den Rat seiner Eltern: „Wenn du was lernen willst, musst du da hingehen.“ Es ist üblich, dass Landwirte ihre Ausbildung in zwei oder gar drei Betrieben absolvieren, um mehrere Facetten des Berufs zu erlernen. Der 28-Jährige stammt aus einem Dorf mit dem schönen Namen Falken-Gesäß, einem Ortsteil von Beerfelden im Odenwald. Die Familie hat einen Bauernhof mit 60 Kühen. Außerdem vermietet sie Ferienwohnungen und besitzt ein bisschen Wald.

Eigentlich wollte Heinerich Forstwirt werden. Seine Eltern unterstützten ihn dabei. Sie drängten ihn nicht in die Landwirtschaft. Dann entschied sich der junge Mann anders: „Warum soll ich denn derjenige sein, der sagt, wir verkaufen alles, ohne es probiert zu haben?“

Der 28-Jährige hat das Glück, dass seine Freundin seine Berufswahl toleriert: „Wenn sie komplett gegen die Landwirtschaft wäre, würde ich es nicht machen.“ Nach der Ausbildung will er im Herbst nach Griesheim gehen, um sich in zwei Jahren Vollzeitschule zum Betriebswirt der Fachrichtung Agrarwirtschaft zu qualifizieren.

Bauernregeln auf dem Prüfstand: Bilder

Bis dahin fährt Matthias Heinerich täglich 70 Kilometer nach Jügesheim und abends zurück. Es ist immer dieselbe Tankstelle, an der er sich kurz nach 5 Uhr seinen Kaffee holt. Neulich fasste sich der Tankwart ein Herz und fragte ihn nach seinem Beruf: Ob der Frühaufsteher vielleicht auf dem Bau arbeite? Als der 28-Jährige sich als angehender Landwirt vorstellte, erhielt er eine überraschende Reaktion: „Wow, cool!“ Solche Begeisterung hört man als Landwirt selten.

Für den Familienbetrieb im Odenwald hat Matthias Heinerich schon einige Ideen. Soll er von Milch- auf Fleischproduktion umstellen? Wie wäre es mit einem Bio-Hof? Nächste Woche besucht er eine Tagung für umstellungswillige Betriebe und hofft, Antworten zu finden. Die Entscheidung will gut überlegt sein. Matthias Heinerich hat die Worte seines Vaters im Ohr: „Wenn man einmal mit Melken aufhört, fängt man nie wieder an.“

Quelle: op-online.de

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