Interview: Absage an die „One-Man-Show“

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Dr. Björn Seelig

Rodgau (bp) - TV-Reality-Soaps über Tierärzte sind auf fast jedem Kanal zu sehen. Was hält ein richtiger Tierarzt davon? Wir sprachen mit Dr. Björn Seelig.

Was muss ein guter Tierarzt mitbringen für seinen Beruf? Tierliebe allein reicht doch wohl nicht?

Der tierärztliche Beruf ist mittlerweile so vielschichtig und trotzdem spezialisiert, dass man sich neben der fachlichen Qualifikation hauptsächlich auf die Bedürfnisse des Kunden einstellen muss. Diese variieren stark in Abhängigkeit von der behandelten Tierart. Pferde- oder Kleintierhalter sind komplett anders zu bewerten als zum Beispiel ein Milchbauer oder Schweinemäster.

Was halten Sie von Ihren vielen TV-Kollegen?

Die meisten machen ihren Job mit Sicherheit sehr gut. Es wird aber speziell im Nutztierbereich zu häufig der Eindruck vermittelt, es gäbe nur den Einzel-Gemischtpraktiker, der 365 Tage im Jahr alleine Notdienst macht und ohne Urlaub von Hof zu Hof hetzt. Dabei sind Tierarztpraxen mit fünf oder mehr spezialisiert arbeitenden Tierärzten, teilweise mit angeschlossenem Labor, heute keine Seltenheit mehr. Sie ermöglichen eine attraktive Freizeit-, Urlaubs- und vor allem Fortbildungs-Regelung für die Tierärzte. Dies macht auch für jüngere Kollegen den Job in der Nutztierpraxis wieder interessant. Der Trend geht ganz klar in diese Richtung.

Wird Ihr Beruf in den diversen Tierarztsendungen korrekt dargestellt?

Das dargestellte Berufsbild entspricht im Nutztierbereich nicht immer der Realität. Romantische Einzeltierbehandlungen weichen im Nutztierbereich immer mehr den Bestandsbehandlungen und der Bestandsdiagnostik. Die Gründe liegen auf der Hand: Wenn ich jeden zweiten Tag bei einem Milchbauern ein Kalb gegen Durchfall oder eine Kuh mit Milchfieber behandeln muss, kann ich als betreuender Tierarzt in der Beratung des Landwirtes schon eine Menge falsch gemacht haben. Wir arbeiten heute im Nutztierbereich, und hier haben wir die größten Nachwuchssorgen

Von uns wird nicht nur eine One-man-Show bei der Einzeltierbehandlung erwartet, sondern im Wesentlichen eine Aufrechterhaltung des Gesundheitszustandes des Tierbestandes. Dies wird meiner Meinung nach in den TV-Sendungen nicht immer deutlich. Es werden häufig nur die spektakulären Operationen gezeigt, die natürlich Standard in jeder Nutztierpraxis sind aber nicht den Hauptarbeitsanteil ausmachen.

Demnach wird in diesen Sendungen also meist die Sensationslust der Zuschauer befriedigt?

Für den Zuschauer ist verständlicherweise ein nächtlicher Kaiserschnitt bei einer Kuh wesentlich spannender als eine Auswertung der Leistungsdaten einer Milchviehherde.

Quelle: op-online.de

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