Bei Podiumsdiskussion wird nach Lösungen gesucht

Ärzte-Versorgung: Bessere Bedingungen schaffen

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Eine Lösung für das Ärzteproblem in Rodgau fanden die Teilnehmer der Podiumsdiskussion nicht. Von links: Sven Korsch, Jürgen Hoffmann, Kordula Schulz-Asche, Dr. Eckhard Starke und Uwe Werkmann.

Dudenhofen - „Es geht uns nicht schlecht genug, aber es geht uns definitiv nicht gut“ – aus Sicht ihres Rathauschefs Jürgen Hoffmann liegt in dieser prekären Position zwischen urbanem Wachstum und ländlichem Notstand das Hauptproblem Rodgaus mit der ärztlichen Versorgung seiner Bürger.

Bei Förderprogrammen für den ländlichen Raum falle die etwa 45.000 Einwohner zählende Stadt ebenso durchs Raster wie offenbar bei jungen Medizinern auf der Suche nach einem Wirkungsort. Weder dem Bürgermeister noch vier weiteren Akteuren aus dem „System“ fiel bei einer Podiumsdiskussion der Grünen am Freitagabend im Dudenhöfer Bürgerhaus-Foyer indessen wirksame Gegenmittel ein. Mit „System“ umschrieben die Diskutanten im rund eineinhalbstündigen Gespräch wiederholt das Zusammenspiel der Kräfte im Gesundheitswesen, das nach Meinung Hoffmanns wie auch der Grünen-Bundestagsabgeordneten Kordula Schulz-Asche in mancher Hinsicht nicht mehr in die Zeit passt. Die Stadt, betonte der Rathauschef, sei nicht einmal Teil davon und habe bei der Zuweisung und Besetzung von Arztsitzen keine Stimme.

Versuche das Rathaus, mit der Einrichtung kleiner medizinischer Versorgungszentren in Kooperation mit Kliniken eine Besserung zu erreichen, ecke es bei einem Teil der niedergelassenen Ärzte an. Schulz-Asche sieht in kommunal betriebenen Ärztezentren zwar keine funktionsfähige Alternative zur freien Niederlassung, diagnostizierte aber Reformbedarf: Das hergebrachte Modell der Einzelpraxis mit langen Arbeitszeiten und ohne Karriereoption passe nicht zu den Ansprüchen, die junge Ärzte heute auf lukrative Posten in der Industrie oder ins Ausland zögen.

Dass in der Region ein Versorgungsproblem droht, hatte der Grüne Bernhard Goller zuvor mit Statistiken illustriert. Demnach gibt es in Rodgau derzeit 21 Ärzte in zwölf Praxen. Die Hausarzt-Versorgungsquote, in Offenbach bei 111,7 und in Seligenstadt bei 118,2 Prozent, liegt in Rodgau und Umgebung bei knapp 94,5 Prozent. Im Kreis Offenbach sind 138 der 202 ansässigen Allgemeinmediziner älter als 50, davon 55 älter als 60 Jahre. Jünger als 40 sind derzeit nur fünf, 59 im Alter zwischen 40 und 49 Jahren. Der demografische Wandel werde die Lage in den kommenden Jahren deutlich verschärfen, meint Goller.

Als dramatisch beschrieb Sven Korsch vom Regionalvorstand der Johanniter die Auswirkungen in der Altenpflege: Um den Bedarf zu decken, müssten bis 2020 im Einzugsbereich seines Verbandes 1200 Pflegekräfte neu eingestellt, weitere 2498 ersetzt werden. Bis 2030 liege der Gesamtbedarf bei bis zu 12.000 neuen Mitarbeitern. „Mit der momentanen Ausbildungsstruktur schaffen wir das nicht“, erklärte Korsch kategorisch, zumal der Beruf in Bezahlung, Ansehen und Aufstiegschancen noch immer unattraktiv sei. Eben dort müssen Reformen aus Sicht von Dr. Eckhard Starke, stellvertretender Vorstandschef der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen, sowohl im ärztlichen wie im Pflegebereich vor allem ansetzen. Politik und Verbände müssten Berufsbilder weiter entwickeln und modernisieren, die Kommunen gute Standortbedingungen für junge Ärzte mit Familienwunsch und Freizeit-Ansprüchen schaffen.

Bürgermeister und Landräte aus der Region

Dass sich der Zulassungsausschuss der KV bisweilen – auch in Rodgau – als Hemmschuh bei der Ansiedlung von Ärzten erweist, räumte Starke ein, verwies aber auf enge gesetzliche Bindungen und den nach seinen Worten starken Einfluss der Krankenkassen in dem Gremium. Stellschrauben sieht er in den Universitäten, wo die Allgemeinmedizin zu wenig gefördert und zu sehr auf Spezialisierung gesetzt werde: „Wir müssen angehende Ärzte an die Hand nehmen und noch im Studium an die Praxis, an die Arbeit mit den Patienten heranführen“.

Von Moderator Werner Kremeier ließ sich der KV-Funktionär die Zusage entlocken, sich im Fall Rodgau speziell und persönlich um das drängende Kinderarzt-Problem zu kümmern. Auch über eine weitere lokale Baustelle erfuhren die rund 60 Zuhörer mehr: Die Hängepartie um das Nieder-Rodener Ärztezentrum „Medicum“, mangels Interesse bei den Medizinern bereits zur Hälfte in Wohnbau umgewidmet, könnte nach Worten des Dietzenbacher Investors Uwe Werkmann bald enden. Ins Erdgeschoss komme eine Demenz-Pflegeeinrichtung. Für den zweiten Gebäudeteil liefen Gespräche mit interessierten Ärzten, aktuell bestehe die Chance auf „die Hälfte bis ein Drittel“ Praxis-Anteil. (zrk)

Quelle: op-online.de

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