Vom Lehrer zum Autor:

Alois Kraus und sein Roman „Frankfurt 1977“

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So könnte es gewesen sein: Alois Kraus beschreibt ein Familienschicksal in der NS-Zeit.

Nieder-Roden -  Ein pensionierter Geschichtslehrer hat ein erfundenes Familienschicksal aus dem Dritten Reich zu einem Roman verarbeitet. Der Titel lässt nicht auf den Inhalt schließen: Das Buch heißt „Frankfurt 1977“. Autor Alois Kraus lebt in Nieder-Roden. Von Ekkehard Wolf 

Er unterrichtete 28 Jahre lang in Mühlheim. Seit zehn Jahren ist Kraus nicht mehr im Schuldienst. Seine Unterrichtsfächer Geschichte und Sozialkunde beschäftigen ihn aber weiterhin – besonders die Weimarer Republik und die NS-Zeit, die schon die Schwerpunkte seines Studiums waren. Sein Roman spielt 32 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Ausgangspunkt ist ein Brief eines Toten. Ein Mann hat ihn nach seinem Freitod hinterlassen. Darin teilt er seinem 1945 geborenen Sohn kurz mit, dass die Frau, die ihn aufgezogen hat, nicht seine Mutter ist. Die leibliche Mutter sei eine Jüdin in der NS-Zeit gewesen. Der Sohn beginnt, zu recherchieren.

Das Ganze spielt sich im Deutschen Herbst ab. Während die RAF ihre Terroranschläge verübt, dringt die Hauptfigur des Romans immer tiefer in die Vergangenheit vor. Dabei spielt auch ein Großvater eine Rolle, der mit mehr als 80 Jahren immer noch ein unbelehrbarer Nazi ist. Rückblenden beleuchten die Zeit zwischen 1933 und 1945. Zum Lehrerberuf fand Alois Kraus erst auf dem zweiten Bildungsweg. Zuvor hatte er bei einem Strafverteidiger eine Büroausbildung absolviert. Danach arbeitete er als Justizangestellter am Gericht, führte Protokolle beim Haftrichter und bei Obduktionen. Diese Erfahrungen kommen ihm nun als Buchautor zugute.

Auch seine Frankfurter Ortskenntnis fließt in den Roman ein. Er schreibt über Cafés, die es längst nicht mehr gibt, und über andere Lieblingsorte. Dazu muss man wissen, dass Alois Kraus in Frankfurt aufwuchs und bis 1974 dort lebte, bevor er nach Rodgau zog.

„Frankfurt 1977“ ist aber nicht nur ein Stück Regionalliteratur. „Von den 300 Seiten spielen mindestens 100 auch in Berlin“, sagt Alois Kraus. An seinem Roman hat der pensionierte Lehrer lange gearbeitet. „Das dürften zweieinhalb bis drei Jahre gewesen sein“, erzählt er. Immer wieder habe er seitenweise Text gelöscht und neu angesetzt, zwischendurch auch mal einen oder zwei Monate Pause gemacht. Das Problem: „Während des Schreibens kamen Einzelheiten dazu, die Änderungen am bereits Geschriebenen erforderten.“ Manchmal habe er zwei Stunden an einer Seite gesessen und sie danach wieder verworfen.

Die Welt gedenkt der Opfer des Nationalsozialismus

Die umfangreichste Änderung geht auf einen Hinweis des Verlegers zurück. Der Schluss des Romans wirkte ihm zu aufgesetzt. „Ich habe mich überzeugen lassen und das letzte Viertel umgeschrieben“, sagt Alois Kraus. Dem fiel unter anderem eine Neonazi-Gruppe zum Opfer. Dass sie nun nicht erwähnt wird, ist kein Verlust. Der neue Schluss rundet die Erzählung viel besser ab. Im Verlagsprogramm ist der Roman als Krimi einsortiert, obwohl er mit Kriminalliteratur herzlich wenig zu tun hat. Es gibt zwar einen Todesfall, bei dem die Polizei in Erscheinung tritt, aber das ist nicht mehr als eine Episode im Gesamtgefüge. „Heutzutage verkauft sich ein Krimi offenbar besser“, vermutet der Autor.

„Frankfurt 1977“ ist seit Ende November im Handel. 3000 Exemplare wurden gedruckt. Im Gegensatz zu anderen Hobbyautoren musste Alois Kraus kein eigenes Geld beisteuern, um den Druck zu finanzieren. Dennoch trägt er seinen Teil dazu bei, dass sein Buch Leser findet. Er gewann die beiden örtlichen Buchhandlungen als Mitstreiter, stellte den Roman im internationalen Lesecafé vor, liest bei der Rodgaumeile am 21. Mai auf der „kleinsten Buchmesse“ und am 2. Juni in der Stadtbücherei Nieder-Roden. „Es ist unheimlich schwierig als unbekannter Autor“, weiß Kraus. Umso erfreuter ist er, dass er einen richtigen Verlag für sein Werk gewonnen hat: „Selbst vermarkten ist nicht so mein Ding. Ich bin kein guter Verkäufer.“

Der nächste Roman ist längst in Arbeit. Er spielt in Frankfurt und im Kreis Offenbach. Etwa 160 Seiten hat Alois Kraus schon geschrieben. „Diesmal wird es wirklich ein Krimi“, sagt er. Der Arbeitstitel lässt keinen Zweifel: „Der vierte Tote.“

Gedenken an die Opfer des Holocaust

Quelle: op-online.de

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