Arbeitskreis für Heimatkunde reichert Heimatfilme an

Wie alte Filme wieder laufen lernen

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Auf dem Bahnhofsvorplatz wird Vieh ausgeladen: 1954/55 gehörte das noch zum Alltag.

Nieder-Roden - Die Aufarbeitung der alten Heimatfilm-Bestände macht Fortschritte. Davon konnten sich rund 150 Gäste des Arbeitskreises für Heimatkunde Nieder-Roden überzeugen. Von Ekkehard Wolf

Die Resonanz des Heimatfilmabends überstieg alle Erwartungen. Vor der Leinwand im überdachten Museumshof war kein Platz mehr frei. „Die Leute standen bis auf die Straße“, berichtet Frank Stoffels vom Heimatverein. Auch vor dem Großbildschirm in der „guten Stube“ des Museums drängten sich die Zuschauer. Vor allem ältere Semester schauten sich die alten Streifen an. Bei den gefilmten Ereignissen der 50er und 60er Jahre waren sie als junge Leute dabei gewesen.

Luftaufnahme von 1978: Am Forschheimer See wird noch gebaut.

Etwa 10.500 Minuten an Filmdokumenten lagern ungeordnet im Stadtarchiv. Die Heimatfilmer Karl Müller und Rudi Keller hatten sie 1954 bis 2011 mit der 16-Millimeter-Kamera aufgenommen. Seit drei Jahren werden sie nach und nach auf digitale Datenträger überspielt. Ein städtischer Zuschuss ermöglichte es dem Arbeitskreis für Heimatkunde, die notwendigen Geräte zu kaufen. Bei der Digitalisierung ist es nicht damit getan, den Film durchlaufen zu lassen. Immer wieder gibt es einen Stopp, weil sich eine Klebestelle gelöst hat. „Man muss permanent die Helligkeit und den Kontrast regulieren“, berichtet Frank Stoffels. Hinzu kommt, dass die Filme mal mit 18 und mal mit 24 Bildern pro Sekunde gedreht sind.

Das Team um Frank Stoffels beschränkt sich nicht darauf, die alten Stummfilme technisch gut zu übertragen. Die Ehrenamtlichen wollen sie um Informationen ergänzen, so dass sie auch künftigen Generationen noch etwas sagen.

Eine Szene aus den 50er Jahren: „Ami-Franz“ läutet die Bekanntmachungsglocke an der Dorflinde.

Was alles möglich ist, erlebten die Zuschauer beim Filmabend am Wochenende. Aufnahmen aus den Jahren 1954/55 wurden neu zusammengestellt und um zwei Zeitzeugen-Interviews ergänzt. Robert Spahn und Reinhold Happel erzählen von früher, erklären Begriffe wie Oberdorf und Unterdorf und erinnern an Begebenheiten, die nur noch den Älteren im Gedächtnis sind. Ein Beispiel: Reinhold Happel lernte als Kind in der Schule, den Grundriss des Dorfs in der Form einer Trompete zu zeichnen. Alte Namen („Spohmarie“ für das Gasthaus „Hessischer Hof“) und Dialektbegriffe werden eingeblendet: „Das muss man lesen können, damit man weiß, was gesprochen wird“, erklärt Frank Stoffels.

Wie sich die Technik und die Sehgewohnheiten verändern, zeigt einer der wenigen Tonfilme aus dem Stadtarchiv. Er zeigt Ereignisse aus den Jahren 1958 bis 1961 und wurde von Lehrer Karl Müller vertont. Die fast 60 Jahre alte Tonspur lässt sich auch mit neuester Technik nicht völlig rekonstruieren. Das Ergebnis klingt für heutige Ohren zu dumpf und bleibt schwer verständlich.

Wie viel Arbeit in der Digitalisierung und Aufarbeitung der Heimatfilme steckt, vermag Frank Stoffels nicht abzuschätzen: „Wir sind ja erst am Anfang.“ Bisher hat das Team zehn der rund 145 Filmspulen in Arbeit. Die notwendigen Speichermedien kann der Verein nicht allein bezahlen. Um das unkomprimierte Videomaterial zu sichern, rechnet Stoffels mit einem Speicherbedarf von umgerechnet 13.000 DVDs.

Die Stadt weiß die Arbeit der Ehrenamtlichen zu schätzen, wie Pressesprecherin Sabine Fischer sagt. Rodgau sei eine der wenigen Städte, die über einen derartigen Schatz an Filmdokumenten verfügen. Deshalb habe sich die Stadt vor Jahren dagegen entschieden, die Filme als Gesamtwerk dem hessischen Landesarchiv anzuvertrauen: „Wir wollten sie nicht aus der Hand geben, weil es unser städtisches Erbe ist.“

Quelle: op-online.de

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