Andreas Beseler im Interview

Radfahren gegen die Schmerzen

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Der MS-kranke Rennradfahrer Andreas Beseler (Zweiter von links) und sein Team starten im Juni eine neue Benefiztour. Sie führt in zwölf Tagen von Jügesheim nach Barcelona. Die 1762-Kilometer-Strecke erbringt wieder Spenden für die Nathalie-Todenhöfer-Stiftung. Start ist am 15. Juni um 9 Uhr an der Radsporthalle Jügesheim. Unser Foto entstand bei der letzten Spendenübergabe von Beseler an die Stiftung im vergangenen Oktober. Damals hatte Beseler bei seiner Kanada-Tour mehr als 26 000 Euro für Menschen gesammelt, die wie er an Multipler Sklerose leiden.

Jügesheim - Andreas Beseler kennen die Rodgauer als Extremsportler, der seine Erkrankung an Multipler Sklerose mit einer Überdosis Radfahren in Schach hält.

Die Stadt würdigt Beselers Lebensmotto „Rad statt Rollstuhl“ und sein beispielhaftes Wirken für Leidensgenossen sowie seine großartigen Spendenaktionen jetzt mit dem Titel „Sportler des Jahres“. Preisverleihung ist am 15. März. Redaktionsleiter Bernhard Pelka sprach mit dem Ausnahmeathleten.

Wie sehr hat Sie die Diagnose 1992 erschüttert?

Die Ärzte wollten erst nicht so damit herausrücken. Aber ich wusste von meiner Mutter her, was das bedeutet. Ich hatte schon gleich am Anfang einen richtig harten Schub und wusste erst mal nicht mehr, wie es weitergehen soll. Sie müssen sich vorstellen: Als Speditionskaufmann habe ich Tag und Nacht gearbeitet. Das war meine Berufung. Und dann ging’s erstmal nur bergab.

Wie haben sich Ihr Leben und Ihre Krankheit seither entwickelt?

Ich konnte fast nicht mehr laufen. Für 50 Meter habe ich eine halbe Stunde gebraucht. Ich konnte kein Wasserglas mehr halten. Das war heftig gewesen. Dann habe ich Cortison und Entkrampfungsmittel bekommen. Da war ich dann noch kraftloser. Dann kamen fast drei Jahre Langzeit-Chemotherapie, die aber abgesetzt wurde. Seither nehme ich eigentlich nur noch Vitamin B und Enzyme. Meine Freunde und meine Frau haben mich aus dem Tal herausgeholt. Im Schwimmbad habe ich wieder gelernt, mich zu bewegen. Dann hat mich ein Freund das erste Mal auf ein Fahrrad gesetzt. Und ich habe angefangen, im Studio Krafttraining zu machen. Schwimmen, Radfahren und Krafttraining: das ist bis heute so. Das hilft mir und ich komme mit meinen Defiziten einigermaßen klar. Natürlich werden die Nervenschmerzen schlimmer. An Weihnachten und Silvester ging’s mir zum Beispiel richtig schlecht. Es ist ganz klar nicht so, dass ich wie nach einer Wunderheilung leben könnte.

Was treibt Sie an, als MS-Patient einen sehr speziellen Weg zu gehen?

Der Antrieb ist einfach: so lange wie möglich mein Leben selbstständig bewältigen und meinem Umfeld so wenig wie möglich zur Last zu fallen.

In Rodgau gelten Sie mit Ihrem Projekt „Rad statt Rollstuhl“ als Mutmacher. Fühlen Sie sich in dieser Rolle wohl oder überfordert dieser Anspruch nicht manchmal auch?

Eigentlich haben mich Freunde aus dem Leistungssport, die in ihrem Umfeld auch Menschen mit MS oder anderen Handicaps kennen, darauf gebracht, dass mein Weg auch für andere eine Chance sein könnte. Das fordert mich privat als Mensch schon sehr und kostet mich sehr viel Kraft. Aber die große Zustimmung, die ich bekomme, ehrt mich und macht mir Freude. Ich lerne super liebe Menschen kennen, die mir bei meinen Projekten helfen. Dafür möchte ich mich hier mal ausdrücklich bedanken. Ich freue mich sehr, dass sich gerade für mein neues Projekt bisher schon vier Teilnehmer mit MS, einer mit einem bösartigen Hirntumor, zwei mit Krebs und andere mit kardiologischen Krankheiten gemeldet haben.

Ist denn automatisch für jeden MS-Kranken „Rad statt Rollstuhl“ das richtige Rezept oder muss man da nicht genau differenzieren?

Das kann man nie so einfach sagen. Jeder muss für sich entscheiden, was er macht. Aber Studien beweisen, dass Menschen mit Parkinson, MS, Rheuma oder auch mit Krebs besser leben, wenn sie Sport treiben und sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten bewegen.

Quelle: op-online.de

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