Anwalt als Angeklagter vor Gericht

Rodgau/Darmstadt (gel) - Der Weg war frei für einen Neuanfang. Im beschaulichen Menzingen im schweizerischen Kanton Zug wollte sich der Rechtsanwalt aus dem Taunus eine neue Existenz aufbauen.

Weit weg vom Rhein-Main-Gebiet, seinem unglücklichen Mandat für den Millionenbetrüger Mark S. und sämtlichen juristischen und sozialen Folgen. Im November 2010 war der Anwalt vom Amtsgericht Offenbach wegen Beihilfe zum Betrug in sechs Fällen zu zwei Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt worden. Er legte Berufung ein, die Wirtschaftsstrafkammer in Darmstadt sprach ihn vor einem Jahr in zweiter Instanz aus Mangel an Beweisen frei.

Aus dem Neustart wird trotzdem vorerst nichts. Seit Montag sitzt der Jurist erneut als Angeklagter in Darmstadt, diesmal vor der 6. Strafkammer in einem wieder aufgenommenen Berufungsverfahren. Begründung des Oberlandesgerichts: Das Freispruch-Urteil wurde in einigen Punkten nicht sorgfältig genau begründet, ein technischer Fehler sozusagen. Das ist laut Verteidiger Professor Holger Matt deshalb besonders bitter, weil damals alle Prozessbeteiligten von der Unschuld des Anwalts überzeugt gewesen seien.

19 Millionen Euro veruntreut

Kasus knaxus der Anklageschrift ist ein Referenzschreiben, das der Anwalt aus dem Taunus im April 2004 für die Firma TSI Consulting in Rodgau verfasst. Darin bescheinigt er TSI Kompetenz, Seriosität und vor allem Bonität. Hintergrund ist ein großes Hotelprojekt in Kroatien, in das Geschäftsführer Mark S. einsteigen will. Der legt dem Anwalt brillant-geschönte Zahlen vor: 600 Millionen Euro Geschäftsvolumen, davon 60 Millionen investierbar und 20 Millionen sofort frei verfügbar. Mark S. hatte das Auftreten eines erfolgreichen Geschäftsmannes, erst viel später habe er realisiert, das er getäuscht worden sei, so der Anwalt in seiner Einlassung. Auch von dessen einschlägigen Vorstrafen will er nichts gewusst haben: „S. hat einen international tätigen Anwalt für Immobiliengeschäfte gesucht, da war ich genau der Richtige.“

Dass sein Klient eben jenes Referenzschreiben auch über seinen eigentlichen Zweck hinaus für betrügerische Kreditvermittlungsgeschäfte benützen würde, bei denen er insgesamt 19 Millionen Euro veruntreute, sei ihm ebenfalls unbekannt gewesen. Der als besonders kaltschnäuzig und sarkastisch geltende S. wurde deswegen 2008 zu dreizehneinhalb Jahren Gefängnis verurteilt.

Staatsanwalt ist nicht von Unschuld des Anwalts überzeugt

Seine Masche: Er täuschte anlagewilligen Interessenten vor, für sie hoch rentable Kapitalgeschäfte zu tätigen, bei denen sich Kundendarlehen nach einer Laufzeit von zwölf Jahren angeblich selbst tilgen sollten. Er kassierte fünf- bis sechsstellige Summen Eigenkapital, unternahm aber keinerlei Anstrengungen für irgendwelche Geschäfte im Interesse seiner Kunden. Stattdessen finanzierte er sich mit dem fremden Geld ein Luxusleben mit Maserati, einem Dutzend Rennpferden und anderen Statussymbolen.

Verteidiger Professor Holger Matt: „Die Opfer waren teilweise sehr blauäugig, was ihr Geld anging. Welcher seriöse Geschäftsmann kassiert schon Eigenkapital in bar? Auch dass das Referenzschreiben von 2004 und für ein Hotelprojekt ausgestellt war, schien niemanden zu stören. Die Kunden hätten höchstwahrscheinlich auch ohne dieses Papier meines Mandanten ihre Verträge unterschrieben.“

Staatsanwalt Matthias Mackenthun ist dagegen nicht von der Unschuld des Anwalts überzeugt. Er stört sich an den 459.000 Euro Honorar, die geflossen sein sollen. „Für ein Referenzschreiben und ein paar Vertragsentwürfe kann eine solche Summe selbst bei der renommiertesten Kanzlei nicht geflossen sein“, so Mackenthun.

In den nächsten sieben Verhandlungstagen sollen 19 Zeugen gehört werden, unter anderem die Geschädigten. Das Urteil wird nicht vor November erwartet.

Quelle: op-online.de

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