Auch Freizeit ist Bildung

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Helfen ist nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht: Selbstständiges Arbeiten lernen Grundschüler von Anfang an. In der Klasse 1 a der Carl-Orff-Schule bei Lehrerin Nicole Heinemann wechseln sich Unterrichtsstunden mit Freizeitphasen ab.

Jügesheim ‐ Die Ganztagsschule ist kein Zukunftstraum mehr, sondern Gegenwart. Die Klasse 1 a der Carl-Orff-Schule ist die erste Ganztagsschulklasse in Rodgau. Nach den ersten fünf Wochen sind Kinder und Eltern begeistert. Von Ekkehard Wolf

„Mal sehen, welche Fächer habe ich denn morgen? Experimente und Musik.“ Wenn der Erstklässler Esben Reichenbach auf den Stundenplan blickt, wird seine große Schwester Enna manchmal neidisch. Kein Wunder: Der Junge bekommt in der Schule eine Vielfalt geboten, von der sie in der 4. Klasse nur träumen kann.

Esben geht in die Klasse 1 a der Carl-Orff-Schule. Das ist eine ganz besondere Klasse: Der Beginn einer echten Ganztagsschule.

Tischtennis, Chor und Handarbeit

Zwischen 7.55 und 15.30 Uhr erleben die Kinder eine abwechslungsreiche Folge von Unterricht und Freizeitgestaltung. „Wir haben uns bewusst von der Vorstellung entfernt, vormittags Unterricht und nachmittags Freizeit anzubieten“, sagt Schulleiterin Sabine Döring: „Wir sehen die Freizeitangebote auch als Bildungsangebote an.“

Da gibt es beispielsweise Tischtennis (TGM SV), „Ball, Ball, Ball“ (TGS), einen Chor (Sängervereinigung), Musik (Freie Musikschule), Handarbeit, Experimente, Schach und Computer, oft in kleinen Gruppen von sieben bis neun Kindern. Und weil man auch mal eine Auszeit braucht, steht auch „Spielen“ auf dem Stundenplan.

Beneidenswerter Stundenplan

Nach den ersten fünf Wochen berichten Eltern von positiven Erfahrungen. „Der Stundenplan ist beneidenswert“, sagt Eric Reichenbach. Siebeneinhalb Stunden am Tag seien zwar eine lange Zeit, „aber durch die viele Abwechslung und durch die Freunde, die er gefunden hat, geht unser Sohn sehr gerne in die Schule“. Und das Beste: „Wenn die Kinder nach Hause kommen, ist wirklich Feierabend.“ Ob das auch in der 3. und 4. Klasse so sein werde, bleibe abzuwarten.

„Mein Sohn fühlt sich superwohl, weil er den ganzen Tag beschäftigt ist“, sagt Alexandra Philippi. An manchen Tagen will Marlon (6) nicht nach Hause gehen - oder er lädt nach dem langen Tag noch Mitschüler zu sich ein. Auch Marlon hat eine große Schwester in der 4. Klasse, und auch sie sagt: „Es ist gemein, dass er so tolle Fächer hat.“ Die vielen Angebote in der Ganztagsschule erleichtern es Alexandra Philippi, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen - sonst wäre sie als „Mama-Taxi“ nachmittags ständig auf Achse. Als einziges Manko empfindet sie, dass sie ihrem Sohn nicht bei den Hausaufgaben zusehen kann: „Ich kann nicht einschätzen, wie schnell er ist und ob er gut mitkommt.“

Für die Ganztagsklasse hat die Grundschule eine zusätzliche Lehrerstelle bekommen. Dennoch kostet das vielseitige Angebot die Familien eine Stange Geld. Ganztagsschulen, die in anderen Ländern selbstverständlich sind, gelten hier zu Lande als Luxus.

„Wir wollen nicht erreichen, dass hier eine Eliteklasse herangezogen wird“, betont Schulleiterin Sabine Döring. „Die Klasse 1 a ist so zusammengesetzt wie die beiden Parallelklassen: Eine gute Bandbreite der Gesellschaft.“

Quelle: op-online.de

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