Balance und Geschick gefragt

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Luftsprünge fallen nicht jedem Kind so leicht wie der fünfjährigen Josephine Louise Schulz.

Rodgau ‐ Bewegung gehört zu den fundamentalen Notwendigkeiten für die gesunde körperliche Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Sie stärkt das Herz-Kreislauf-System, erleichtert die Stressbewältigung und steigert die Lern- und Leistungsfähigkeit. Von Andreas Pulwey

Allerdings nimmt der Anteil der Schüler mit Defiziten in der Bewegungskoordination zu. Ein Beispiel: Dass Erstklässler auf einem Bein hüpfen können, ist nicht mehr selbstverständlich. Etliche Schulen steuern dieser Entwicklung entgegen. Was sie zur Bewegungsförderung tun, geht über den herkömmlichen Sportunterricht hinaus. Grundschulen schaffen Bewegungsanreize, indem sie in den Pausen Spielgeräte ausgeben - Springseile, Bälle, Stelzen, Pedalos und dergleichen mehr.

In der Gartenstadtschule Nieder-Roden finden sogar regelrechte Wettbewerbe statt. Sie haben zum Ziel, dass möglichst viele Kinder im Lauf des Schuljahrs eine bestimmte Anforderung erfüllen - zum Beispiel freihändig zehn Meter auf dem Pedalo fahren. Für Kinder, die im motorischen Bereich eine zusätzliche Förderung brauchen, gibt es eine Extrastunde Sportförderunterricht.

Motorikstudie offenbart Leistungsschwächen

Koordinatives Muskeltraining ermöglicht der Bewegungsparcours in der Heinrich-Böll-Schule. Michael Walz wertet die Daten per Computer aus.

Solche Initiativen sind bitter nötig. Laut einer Motorikstudie des Robert-Koch-Instituts erreichten Jungen beim Weitsprung Mitte der 70-er Jahre noch Weiten, die 16 Prozent über ihrer Körpergröße lagen. Heute springen sie nur noch vier Prozent weiter. Bei Mädchen ist gar ein Rückgang von 16 Prozentpunkten zu beobachten. Gegenüber 1986 schneiden heute Mädchen und Jungen in 75 Prozent der getesteten sportlichen Disziplinen schlechter ab. Dabei sind mangelnde sportliche Erfolge noch das geringste Problem der Bewegungsarmut. Haltungsschäden, Übergewicht und Zivilisationskrankheiten wie Diabetes sind mögliche Folgen.

Trotzdem will Alexander Butte aus Jügesheim, Sportlehrer an der Gartenstadtschule Nieder-Roden und Ausbilder für angehende Lehrkräfte, von einer pauschalen, übergreifenden Verschlechterung der körperlichen Leistungsfähigkeit nicht reden. Dafür öffnet sich laut seiner Aussage die Schere zwischen den äußerst Sportlichen und den weniger Beweglichen immer mehr und der Anteil der Kinder mit geringer Fitness nimmt zu.

Deutlich werden bei Fünf- bis Sechsjährigen die Defizite in der Körperkontrolle, wenn sie zum Beispiel unrhythmisch die Treppe hinablaufen. „Es fehlt ganz einfach die Körperkoordination“, so Butte.

Einfache Übungen fördern Körperkontrolle

Aber was können Eltern gegen verkümmerte Muskulatur und eingeschränkte Motorik bei dem Nachwuchs tun? Begeistert ist Alexander Butte von Tretrollern und Laufrädern, bei älteren Kindern von Pedalos, Inlineskates bis hin zum Einrad: „Sie fördern den Gleichgewichtssinn und die Reaktionsfähigkeit.“ Selbst einfache Übungen wie den Ball ein- oder beidhändig gegen die Wand zu werfen, trainiert die Motorik. Seilspringen, Klettern und Balancieren sind weitere kindliche Beschäftigungen zur Förderung der Körperkontrolle.

Darüber hinaus ist für Eltern der Kontakt zur Sportlehrkraft wichtig, um über Defizite im Bewegungsapparat oder der Leistungsbereitschaft zu reden.

Dem Nachwuchs einfach nur Sport verordnen, wäre aber zu kurz gegriffen. Die Eltern sollen mit gutem Beispiel vorangehen, ganzjährig mit den Kindern gemeinsam joggen, Rad fahren, spazieren gehen sowie Treppen steigen.

Dann könnten sich auch bessere schulische Leistungen einstellen. Hirnforscher Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer von der Universität Ulm erkannte in seinen Studien die Zusammenhänge zwischen Bewegung und Prozessen im Gehirn. Körperliche Aktivität wirkt sich positiv auf die Funktionsweise und Struktur des Denkorgans aus, indem die Entwicklung und Vernetzung der Nervenzellen angeregt wird.

Koordinatives Muskeltraining auf dem Stundenplan

Ein Fakt, den auch Michael Walz, Referendar an der Heinrich-Böll-Schule, berücksichtigt. Seit Beginn des Schuljahres stehen neun Spezialgeräte für den Sportunterricht zur Verfügung. Koordinatives Muskeltraining steht auf dem Stundenplan, wenn die Kinder mit geschlossenen Augen auf beweglichen Brettern balancieren und so Bewegungssouveränität und -sicherheit lernen.

Noch einen Tipp hat Alexander Butte für Eltern: Sie sollten ihre Kinder nicht gleich nach dem Unterricht an die Hausaufgaben setzen. Wenn die Kinder etwas Freiraum zum Spielen und Bewegen haben, können sie mit neuer Kraft an die Schulaufgaben gehen.

Das hat sich auch im Betreuungsangebot des Fördervereins der Freiherr-vom-Stein-Schule Dudenhofen bewährt: „Die Kinder müssen sich erst mal austoben“, heißt es dort. Nach dem Mittagessen wird gespielt, ihre Hausaufgaben machen die Kinder später.

Quelle: op-online.de

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