Kritik an staatlicher Plakatkampagne

Bauernregeln auf dem Prüfstand

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Neugierig strecken die Schweine ihre Rüssel durchs Gitter: Lukas Keller arbeitet nach seiner Landwirts-Ausbildung auf dem Bauernhof seiner Eltern mit. Die 270 Schweine auf dem Seehof haben relativ viel Auslauf. Ihr Stall wurde nach Bio-Richtlinien gebaut.

Rodgau - Durch die sogenannten neuen Bauernregeln aus dem Bundesumweltministerium fühlen sich auch mehrere Rodgauer Landwirte diffamiert und verletzt. Auch nach dem Stopp der Plakatkampagne hallt der Ärger nach. Von Ekkehard Wolf 

Wir nehmen den aktuellen Streit zum Anlass, nach den traditionellen Wetterregeln zu fragen: Kann man sich darauf heute noch verlassen?. „Alte Bauernregeln kenne ich noch von meiner Mutter und meiner Tante. Ab und zu schmunzeln wir darüber“, erzählt Sebastian Roßkopf vom Karolingerhof (Jügesheim). „Es ist wie ein Horoskop: Man kann immer Wahrheiten hineininterpretieren.“ An einzelnen Tagen lasse sich der Ernteerfolg sicher nicht festmachen. Einige der alten Regeln orientierten sich an den Bedürfnissen der Pflanzen, die es im März warm und im Mai/Juni feucht brauchen. Roßkopfs Wahlspruch: „Es ist eine Freiluftveranstaltung, wir müssen uns auf jedes Wetter einstellen.“

„Manchmal treffen die Bauernregeln noch zu“, sagt Barbara Keller vom Seehof (Hainhausen). Allerdings hätten sich die Jahreszeiten durch den Klimawandel teilweise verschoben. Dan Fischer vom Sandhof (Jügesheim) reagiert überrascht auf die Frage nach althergebrachten Wetterregeln: „Damit habe ich mich nie beschäftigt.“ Eine Bauernregel fällt ihm aber spontan ein. „Normalerweise sagt man: Ist der April kühl und nass, füllt’s dem Bauern Scheun’ und Fass. Aber letztes Jahr war es so kühl und nass, dass alles kaputtgegangen ist.“ „Sie wollen von mir eine verlässliche Bauernregel?“, lacht Beate Mahr (Dudenhofen). Gleich darauf wird sie ernst, wenn sie an die „neuen Bauernregeln“ aus Berlin denkt: „Für mich ist das Mobbing gegen einen Berufsstand, finanziert aus Steuergeldern.“ Als Beispiel nennt sie die plakative Kritik an der Nitratbelastung: „Wir halten uns an Gesetze und Verordnungen. Was da noch an Belastung im Boden ist, stammt von unseren Vorfahren.“

Als Ortslandwirtin engagierte sich Beate Mahr schon vor 20 Jahren in der Nitrat-Arbeitsgruppe des Zweckverbandes Wasserversorgung (ZWO). Beide Seiten arbeiten im Interesse der Umwelt zusammen. Dazu gehören Bodenproben, Dünge-Empfehlungen und der Anbau von Zwischenfrüchten. Auch die Familie Keller auf dem Seehof fühlt sich von der ministeriellen Plakatkampagne angegriffen. „Eine Frechheit hoch zehn und eine Diffamierung der kleinen Betriebe“, schimpft Barbara Keller. Der Familienbetrieb habe den Stall für die 270 Schweine nach Bio-Richtlinien gebaut und verzichte beim Gemüseanbau auf Dünger. Die Kritik an zunehmenden Betriebsgrößen sei scheinheilig: „Die Politik hat die Bauern doch zu immer mehr und immer größer hingetrieben – und jetzt stehen sie da und jammern.“ Auf Ratschläge via Plakatwand könne man verzichten: „Wir wollen unsere Arbeit schaffen und wollen in Ruhe gelassen werden, weil es auf jede halbe Stunde ankommt.“

Bauernregeln auf dem Prüfstand: Bilder

Als „Augenwischerei vor dem Verbraucher“ bezeichnet Dan Fischer die nun gestoppte Kampagne des Umweltministeriums. Durch Vorschriften und Subventionen werde die Intensivlandschaft doch systematisch gefördert: „Das ist politisch gewollt, weil das Essen billig sein muss. Das ganze System ist darauf aufgebaut, dass nur die Großen profitieren.“ „Den Bauern, der 20 Mastschweine hat, gibt es schon lange nicht mehr“, sagt Sebastian Roßkopf. Die Kampagne des Umweltministeriums will er nicht kommentieren. Eine Rückkehr zur kleinbäuerlichen Landwirtschaft sei bei niedrigen Erzeugerpreisen unmöglich: „Der Verbraucher will günstig und er kriegt günstig. Und die Qualität stimmt.“ Roßkopf : „Es ist halt immer emotional, wenn es um Lebensmittel und Tierwohl geht.“

Quelle: op-online.de

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