Seide aus Jügesheim

+
Als das Foto entstand, steckten die toten Wurzelstöcke der Maulbeerbäume an der Friedhofsmauer noch in der Erde. Inzwischen wurden sie entfernt. Die Bäume waren morsch.

Jügesheim - Am 1842 angelegten Alten Friedhof in der Weiskircher Straße sind die letzten Maulbeerbäume von Jügesheim gefällt worden. Das ruft ein ungewöhnliches Kapitel Ortsgeschichte in Erinnerung. Im Krieg dienten die einst 19 Bäume der Zucht von Seidenraupen. Von Bernhard Pelka 

Die Blätter waren deren Futter. Aus den Seidenfäden wurden Fallschirme und später feine Stoffe hergestellt. Schulkinder spielten bei der bescheidenen Zucht der Seidenraupen in einem nicht genutzten Klassenzimmer in der Alten Schule eine wichtige Rolle. Die Kinder sammelten die Blätter der Maulbeerbäume und fütterten damit die Raupen. Seidenraupen fressen ausschließlich diese speziellen Blätter. Die Bäume waren eigens für diesen Zweck gepflanzt worden. „Ich erinnere mich noch ganz genau“, sagt Horst Gossmann. Der heute 81-Jährige war eines jener Schulkinder, die Raupen mit Futterblättern versorgten. „Die Bäume standen zusammen mit Apfel- und Birnbäumen in Dreierreihen entlang der Weiskircher Straße. In der Schule hatten wir acht Räume, davon waren nur sieben belegt. In dem freien Raum war die Seidenraupenzucht.“

Die Weiskircher Straße war damals natürlich nicht so ausgebaut wie heute. Horst Gossmanns Elternhaus (Nummer 57), in dem er heute zusammen mit seiner Ehefrau wieder lebt, war 14 Jahre lang das letzte Haus dort. „Auf dem Heimweg von der Schule bin ich in die Baumreihen rein. Dort fühlte ich mich vor Fliegerangriffen sicher.“ Ein von den Heimat- und Geschichtsvereinen und dem Magistrat herausgegebenes Buch zu den Rodgauer Geschichtspfaden widmet der Seidenraupenzucht ein Kapitel. Darin heißt es: „Um sich vom Ausland unabhängig zu machen, wurde zur Zeit des Nationalsozialismus die bereits im Preußen des 18. Jahrhunderts von Friedrich II. aus China eingeführte Seidenraupenzucht wieder neu belebt. (...) gut genährt verpuppen sich die Raupen zu Kokons, aus deren Fäden dann die Rohseide gewonnen wird. (...) Die Kokons wurden zur Weiterverarbeitung zu einer Zentralstelle nach Offenbach gebracht.“ Die Weiterverarbeitung dort war wohl nicht ganz einfach. Darüber klärt das Internetlexikon Wikipedia auf.

Zwei Drüsen am Unterkiefer der Raupe produzieren das Protein Fibroin, zwei weitere Drüsen den Seidenleim. Dieser verbindet die zwei Fibroinstränge zum Seidenfaden. Aus diesem Faden webt die Raupe den Kokon, indem sie ihren Kopf hin und her bewegt. Der Kokon härtet zwar aus. In der Seidengewinnung wird er allerdings erhitzt, wodurch sich der Faden wieder löst und aufrollen lässt. Beim Erhitzen sterben die Raupen. Für ein Kilogramm Rohseide sind etwa elf Kilogramm Kokons nötig. Diese Woche wurden auch die Wurzelstöcke der Maulbeerbäume an der Friedhofsmauer entfernt und die Fläche eingesät. In einer Pressemitteilung kündigt der Magistrat an, dort „zeitnah“ neue Maulbeerbäume pflanzen zu lassen. Wegen des „bedeutsamen geschichtlichen Hintergrundes.“

Kurios: So tierisch kann ein Stau sein

Kurios: So tierisch kann ein Stau sein

Quelle: op-online.de

Kommentare