Fernseh-Biere schmecken schal

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Na dann Prost! Nach fast getaner Arbeit stießen die Teilnehmer des Brauseminars miteinander an. Getrunken haben sie allerdings Weizenbier aus dem Getränkemarkt, denn das Eigenprodukt muss erst noch gären. Und dann sind da noch Zoll und Finanzamt, die das Wort Hausbrauerei ganz pingelig mit „Nur-daheim-Brauerei“ übersetzen...

Weiskirchen - Die Wut von Weinbauern aus dem späten 18. Jahrhundert macht dem Hobby-Bierbrauer Markus Neumaier das Leben heute noch schwer. Mosel-Winzer hatten seinerzeit das Rathaus in Bernkastel gestürmt und alle Steuerakten verbrannt. Von Michael Löw

Seither unterliegt die Weinherstellung in Deutschland recht lockerer behördlicher Aufsicht. Beim Gerstensaft schauen die Augen des Gesetzes dagegen ganz genau hin.

„Jeder Brauvorgang muss dem Zoll gemeldet werden“, erzählt Neumaier beim Brauseminar der evangelischen Trinitatisgemeinde. Höchstens 200 Liter pro Jahr dürfen Privatleute abfüllen, sonst werden Steuern fällig. Zudem legen Zoll und Finanzamt das Wort Hausbrauer ganz eng aus: Der promovierte Chemiker darf den Gärprozess tatsächlich nur daheim beginnen und sein Bier auch nur in den eigenen vier Wänden ausschenken. So lernten zehn Männer und eine Frau vorm Gemeindehaus viel über die hohe Kunst des Brauens nach Neumaier"schen Rezepten. Doch angestoßen haben sie hinterher mit handelsüblichem Weizenbier.

Malzkörner gequetscht und mit Wasser angesetzt

Neumaier zeigte ihnen, wie Malzkörner gequetscht und mit Wasser angesetzt werden, erläuterte, woher sie die Zutaten von Hopfen und Brauhefe bekommen und brach eine Lanze für das Rodgauer Wasser: Was in Weiskirchen aus der Leitung fließt, ist sogar für helle Biere gut. Und die - das weiß der Kenner spätestens nach Neumaiers Kurs - stellen ans Wasser weit höhere Ansprüche als die in Bayern so beliebten Dunkelbiere.

Wasser und Malz sind aller Biere Anfang. Markus Neumaier setzte die so genannte „Würze“ in Omas Einkochtopf an.

Markus Neumaiers erste Begegnung mit selbst gebrautem Bier war eher ernüchternd. Im Supermarkt hatte er vor Jahren ein Starter-Set entdeckt: Inhalt in einer Kinderbadewanne voller Wasser auflösen, Hefe dazu, fertig. „Der Geschmack war gruselig“, schaudert er noch im Nachhinein. Inzwischen hat er sein Hobby nahezu perfektioniert. Neumaier rechnet sich der Fraktion der Ausprobier-Brauer zu. Ihnen stehen die technischen Perfektionisten gegenüber, denen ein computergesteuertes Rührwerk fast ebenso wichtig ist wie das, was am Ende aus dem Zapfhahn läuft.

„Echt lecker“

„Echt lecker“ findet der Weiskircher zum Beispiel sein Weihnachtsbier, dem er Zimt, Nelken und Zitronenschalen zusetzt. Mit einem Alkoholgehalt von knapp acht Prozent lässt es fast jeden Doppelbock hinter sich. Gar auf zehn Prozent bringt es sein Bier, das er nach dem Vorbild belgischer Trappistenmönche braut: „Das ist ein Nachtischbier, das muss man wie Likör in kleinen Gläschen trinken.“

In Deutschland gibt es noch rund 1 250 Brauereien. Doch die legendäre Vielfalt ist bedroht - ein paar große teilen den Markt der Durstigen fast unter sich auf, der Rest fristet ein Nischendasein. Wenn Markus Neumaier nicht gerade eigenes Bier trinkt, schwört er auf die Erzeugnisse kleiner Brauereien aus der Umgebung. Und es gibt ein paar Biere, die rührt er schon gar nicht mehr an. Nämlich jene Massenprodukte mit Einheitsgeschmack, für die das Fernsehen vor und bei sportlichen Großereignissen wirbt.

Quelle: op-online.de

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