Blaumachen stoppen

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Damit die Klassenzimmer nicht leer bleiben, gibt es ein Projekt im Kreis Offenbach, das Schulschwänzer eine zweite Chance gibt.

Sie vergnügen sich in Spielhallen und Internet-Cafés, während ihre Altersgenossen über Matheaufgaben und Aufsätzen schwitzen: Hunderttausende Schüler schwänzen in Deutschland den Unterricht. Und oftmals ahnen die Eltern noch nicht einmal, dass ihre Kinder ganz woanders unterwegs sind. Die Verweigerung ist in vielen Fällen ein Zeichen dafür, dass zuhause etwas nicht stimmt.

Und es wird in manchen Schulen immer spürbarer: Im Gegensatz zu früher weigern sich heute viele Kinder nicht mehr nur periodisch, sondern monatelang, die Schule zu besuchen. Dass damit ihr gesamtes Leben zielsicher auf eine Hartz-IV-Karriere zusteuert, ist jedoch nur den wenigsten klar. „Hier wollen wir ansetzen, die Jugendlichen frühzeitig auffangen, ihnen die Augen öffnen und Wege zurück oder Perspektiven aufzeigen“, betonte jetzt Carsten Müller, Sozialdezernent im Kreis Offenbach. Ab Herbst startet deshalb offiziell im Kreis das Projekt „Schulverweigerung - Die 2. Chance“. „Das Programm richtet sich an Jugendliche ab 12 Jahre, die ihren Hauptschulabschluss durch aktive oder passive Schulverweigerung gefährden“, so der Kreisbeigeordnete. „Ziel ist es, diese Jugendlichen in das Schulsystem zurückzuführen und ihre Chancen auf einen Schulabschluss zu verbessern.

Müller beobachtet es immer wieder: Die „Karriere“ vieler Schulabbrecherinnen und Schulabbrecher verlaufe stufenweise. Aus sporadischer Unaufmerksamkeit im Unterricht werde geistige Abwesenheit und schließlich absolute Verweigerung der Mitarbeit. „Manche Jugendliche bleiben der Schule sogar ganz fern, ‘Schuleschwänzen’ wird für sie allmählich zur Regel. Durch dieses Verhalten gefährden Jugendliche ihren Schulabschluss. Hier wollen wir bei uns im Kreis ein Auffangnetz schaffen“, so Müller.

Im Einsatz ist bereits ein Team der Koordinierungsstelle „2. Chance“ mit zwei pädagogischen Fachkräften an vier Pilot-Schulen im Kreisgebiet Offenbach: an der Heinrich-Böll-Schule, der Georg-Büchner-Schule und der Geschwister-Scholl-Schule in Rodgau sowie an der Hermann-Hesse-Schule in Obertshausen. Seit gestern wird das Projekt auch an Dietzenbacher Schulen umgesetzt.

Intensive Einzelfall-Betreuung

Die Begleitung der Schülerinnen und Schüler vor Ort durch die Koordinierungsstelle ,2. Chance’ ist im vollen Gange“, erläuterte Müller. „Das Team betreut derzeit insgesamt 20 Schülerinnen und Schüler im Alter von 12 bis 16 Jahren. Dabei arbeitet es eng mit den Schulen, der Schulsozialarbeit und der kommunalen Jugendarbeit zusammen und entwickelt gemeinsam mit den Jugendlichen ein individuelles Angebot, um mit den Jugendlichen selbst einen Weg zurück in einen normalen Schulalltag zu finden. Wir setzen dabei auf intensive Einzelfall-Betreuung, den Kontakt zu Lehrern und sozialen Einrichtungen und natürlich die Zusammenarbeit mit den Eltern und anderen Bezugspersonen.“

Kooperationspartner in Rodgau ist unter anderem die städtische Schulsozialarbeit: In den Schulen finde daher eine regelmäßige Abstimmung mit den Mitarbeitern der Stadt Rodgau statt, heißt es. Rodgaus Stadtrat Michael Schüßler unterstützt die Umsetzung des Projektes: „Es kann uns nicht egal sein, wenn junge Menschen abdriften. Hier müssen wir versuchen einzugreifen, Hilfestellung zu leisten und auch dafür sorgen, dass dem einen oder anderen die Konsequenzen seines Handelns klar werden. Genau hier wollen wir ansetzen.“

Müller sagte es gestern eindringlich: „Ziel des Projektes ist die zweite und vermutlich letzte Chance für mindestens 50 Prozent aller betreuten jungen Menschen.“ Dabei sei entscheidend: Nach einem Jahr sollen mindestens 15 junge Menschen wieder einen Schulabschluss fest im Blick haben und dann eine Ausbildung machen. „Wenn wir das schaffen, haben wir zumindest 15 Sozialkarrieren verhindert und die Zukunft von möglicherweise 15 Familien gesichert. Damit hätte sich das Projekt auf jeden Fall gelohnt“, meint der Sozialdezernent.

Weitere Informationen gibt es auf der Homepage des Kreises Offenbach

Bundesweit wird das Projekt inzwischen an 193 Standorten umgesetzt. Das vom Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend aus dem Europäischen Sozialfonds geförderte Programm wird im Kreis Offenbach mit 135 000 Euro jährlich umgesetzt. Die Förderung ist bis zum 31. August 2011 geplant.

psh

Quelle: op-online.de

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