Blick in die Geschichte des Fußballs

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Zwischen einem alten Stadtplan von Groß-Leipzig von 1925 mit eingezeichneten Stadien, seltenen Büchern, Trikots und einem echten braunen Lederball von früher fühlt sich Fußballkenner Sebastian Bona wohl. Stolz ist er auf einen besonderen Schatz in seiner Sammlung: Ein originales Foto des deutschen Fußballers Camillo Ugi von 1898.

Nieder-Roden - Wer wurde am 4. Januar vor 76 Jahren mit einem 2:1-Sieg gegen Schalke im Berliner Olympiastadion DFB-Pokalsieger? Die Antwort nicht zu kennen, ist keine Schande. Sebastian Bona weiß sie freilich. Von Peter Petrat

Der begeisterte Fan von Fußball-Geschichte, -Kultur und Tradition hat sich nicht nur eine Menge Wissen angelesen, er möchte auch an besonders wichtige Ereignisse erinnern. Im Mittelpunkt seiner Bemühungen steht die erste Deutsche Fußballmeisterschaft im Jahr 1903.

Um an dieses bedeutende Ereignis und die teilnehmenden Clubs und Spieler zu erinnern, hat der Maschinenbauingenieur die „Initiative 1903“ gegründet, die Tradition vor dem Vergessen bewahrt. Als gebürtiger Leipziger überrascht es nicht, dass er seinem Lieblingsverein Lokomotive Leipzig noch immer die Treue hält, auch wenn er inzwischen nach Rodgau gezogen ist - natürlich in den Leipziger Ring. Der Vorgängerverein von Lok Leipzig, der VfB Leipzig, war auch jenes Team, das aus dem Finale am 31. Mai 1903 gegen die Kicker des Deutschen Fußballclubs Prag als erster Deutscher Fußballmeister hervorging.

Obwohl ihn Fußball schon immer fasziniert hat, kam der Durchbruch der Idee erst im August 2010, als er nach Hamburg gereist ist, um den genauen Austragungsort der ersten Deutschen Meisterschaft ausfindig zu machen. Nach langer Recherche stand er dann in einem trostlosen Industriegebiet im Stadtteil Altona, das seinerzeit noch nicht zur Hansestadt gehörte. Auf dem Gelände des alten Exerzierplatzes steht nun eine Druckerei. „Nichts erinnerte an dieses wichtige Ereignis der deutschen Fußballhistorie“, bedauerte er damals.

Angefangen hat Sebastian Bona sprichwörtlich bei null. „Wer hat damals überhaupt teilgenommen?“ „Wie wurde gespielt?“ Viele Fragen galt es zu beantworten. Informationen aus dieser Zeit sind rar und nur zum Teil in digitaler Form vorhanden. Also musste alles mühsam zusammengetragen werden, bis sich das Puzzle vervollständigte und sich nach und nach interessante Parallelen in den Vereinsgeschichten der teilnehmenden Clubs fanden.

Durch seine Mitgliedschaft im „Arbeitskreis Tradition“ der Deutschen Fußball Liga und dem Zuspruch, den seine Idee bei vielen anderen fand, kamen im Lauf der Zeit jede Menge Kontakte zustande. Großer Zuspruch in Internetforen und unter Gleichgesinnten spornte ihn an.

Der erste Pilgerstein steht in Altona und erinnert an das erste Endspiel der Deutschen Fußballmeisterschaft 1903 zwischen dem VfB Leipzig und dem Deutschen Fußballclub Prag.

Im September 2011 war es endlich so weit. Im Beisein von Vertretern von Lokomotive Leipzig wurde der erste Gedenkstein in Hamburg Altona enthüllt. Die Pilgersteine, wie Bona sie nennt, sollen nun aber an alle Vereine erinnern, die 1903 an der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft teilgenommen haben: den Altonaer FC, Britannia Berlin, den Magdeburger FC Victoria, den Karlsruher FV, den Deutschen Fußballclub Prag und den VfB Leipzig. Nach der feierlichen Einweihung des zweiten Pilgersteins in Leipzig im August 2012 wurde auch der Deutsche Fußballbund (DFB) auf die Initiative aufmerksam und das Projekt erhielt eine Förderung der DFB-Kulturstiftung „Theo Zwanziger“. Die ersten beiden Gedenksteine ließ die Initiative aus Überbleibseln des historischen Leipziger Bruno-Plache-Stadions anfertigen.

Zur Aufarbeitung der Geschichte ist Sebastian Bona inzwischen in ganz Deutschland und auch im Ausland unterwegs gewesen. Aber der große Arbeitsaufwand von bisher geschätzten 3000 Freizeitstunden hat sich gelohnt.

In diesem Jahr soll das dritte Denkmal in Karlsruhe eingeweiht werden. Mit einem bundesweiten Traditionsteam aus Fußballfreunden, Historikern und Profis soll der Anpfiff in zeitgenössischen Trikots, mit echtem braunen Lederball und klassischem 2-3-5 System die Feier wieder zu einem großartigen Ereignis machen. Zeitgleich sorgt eine Ausstellung über die jüdischen Fußballspieler Julius Hirsch, Gottfried Fuchs und den Fußballpionier Walter Bensemann für informatives Programm.

Einen richtigen Knaller kündigt Sebastian Bona für das Jahr 2014 an. Wenn alles klappt, soll dann das 1904 seinerzeit nicht ausgetragene Endspiel zwischen Britannia Berlin (jetzt BSV 1892) und dem VfB Leipzig nachgeholt werden. „Damals wurde die Endrunde im K.O.-System ausgespielt. Am Tag des Finales wurde dem Gesuch des Karlsruher FV stattgegeben, dessen Viertelfinalpartie bei Britannia Berlin zu annullieren. Das besagte Spiel fand entgegen der geltenden Statuten nicht auf neutralem Platz statt“, erklärt der Hobby-Historiker. „Aus diesem Grund wurde die komplette Endrunde annulliert und das Finale nicht mehr ausgetragen.“ Stattfinden soll das Spektakel während der feierlichen Einweihung des Pilgersteins in Berlin. Weitere Ziele sind ein vereinsübergreifendes Fußballmuseum in Leipzig und die Aufarbeitung der Traditionslinien einzelner Vereine und aller Spieler der ersten Mannschaft vom VfB Leipzig, zunächst bin zum zweiten Weltkrieg.

Interessierte Fußballfans finden auf der Homepage der Initiative weitere Informationen und haben die Möglichkeit mitzuwirken oder mit einem kleinen Quiz ihr eigenes Wissen zu testen.

Quelle: op-online.de

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