Bildung für Nachhaltigkeit

Sonnenstrom vor der China-Mauer

+
Die 882 Solarmodule auf dem Dach der Heinrich-Böll-Schule erzeugen mehr Strom als die Schule verbraucht.

Nieder-Roden - Der Strom kommt vom Dach: Auf der Heinrich-Böll-Schule (HBS) ist ein bürgerschaftlich finanziertes Sonnenkraftwerk in Betrieb gegangen. 18 Menschen aus Rodgau und Umgebung haben dort zusammen 290 000 Euro investiert.

Den erzeugten Strom verkaufen sie direkt an die Schule. Damit verzichten sie zum großen Teil auf die Förderung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz. Nur der Überschuss wird ins Netz eingespeist. Während drinnen im Unterricht die Geistesblitze sprühen, sammeln draußen 882 Solarmodule die Energie der Sonne ein. Sie erreichen eine Spitzenleistung von 216 Kilowatt (kW (p)) und erzeugen voraussichtlich 205.000 Kilowattstunden Strom pro Jahr. „Das ist mehr als die Schule verbraucht“, erklärt Volker Klös vom Verein „Sonneninitiative“ in Marburg, der die Anlage geplant und errichtet hat.

Der Kreis Offenbach hat mit der HBS bereits das dritte Flachdach einer Schule an den Verein „Sonneninitiative“ vermietet. An der Johannes-Kepler-Schule und der Johannes-Gutenberg-Schule in Hainburg habe der Kreis damit gute Erfahrungen gemacht, sagt Kreisbeigeordnete Claudia Jäger. Der Heinrich-Böll-Schule passt das Sonnenkraftwerk gut ins Konzept. Die integrierte Gesamtschule hat sich „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ auf die Fahnen geschrieben. Dies steht auch an erster Stelle im Schulprogramm: „Unsere Schülerinnen und Schüler werden für eine ,Welt in Balance‘ gebildet, indem sie sich mit ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Fragen im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung auseinander setzen.“

Bereits seit Oktober 2008 arbeitet auf dem Schuldach eine kleine Photovoltaikanlage. Physiklehrer Ludger Schmelz hatte sie von der aufgelösten Gerhart-Hauptmann-Schule in Seligenstadt mitgebracht. Auf einem Display in der Cafeteria können Schüler und Lehrer täglich sehen, wie viel Strom die Solarmodule gerade erzeugen.

Jährliche Rendite von zehn Prozent in Aussicht

Diese Anlage ist ein Beispiel dafür, wie rasant sich die Energiewende entwickelt hat. Als sie 2002 erstmals in Betrieb ging, stand die Erzeugung von Sonnenstrom am Anfang. Die hohen Anschaffungskosten von rund 8500 Euro waren nur mit staatlichen Zuschüssen und einer hohen Einspeisevergütung bezahlbar. Die Leistung von 1,1 kW (p) mutet aus heutiger Sicht bescheiden an. Von garantierten 48,1 Cent je Kilowattstunde (bis 2022) können heutige Investoren nur träumen. Dass Solarmodule heute für ein Achtel des damaligen Preises erhältlich seien, führt Ludger Schmelz nicht zuletzt auf die damalige Pionierarbeit zurück: „Die Anlage dient immer noch als Demonstrationsanlage im Physikunterricht.“

Mit der neuen Solaranlage auf dem Schuldach können die Geldgeber richtig Geld verdienen. Der Verein „Sonneninitiative“ stellt den Anlegern eine jährliche Rendite von rund zehn Prozent in Aussicht. Der direkte Stromverkauf an den Nutzer des Gebäudes sei viel lukrativer als die festgelegte Einspeisevergütung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG): „Was liegt also näher, als Verbrauchern vor Ort den günstigen Strom vom Dach zu liefern und sich mit ihnen den Gewinn zu teilen?“ Dieses Konzept funktioniert am besten mit Gebäuden, in denen tagsüber Strom verbraucht wird: Schulen, Kindergärten, Behörden, Handwerksbetrieben und produzierendem Gewerbe im Ein-Schicht-Betrieb. Nur der Überschuss geht ins allgemeine Stromnetz. Die EEG-Vergütung wird so zum Sicherheitsnetz für die Betreiber.

Diese 15 Faktoren erschweren die Energiewende

Diese 15 Faktoren erschweren die Energiewende

Der Verein „Sonneninitiative“ bringt damit offenbar ein kalkulatorisches Kunststück fertig, an dem andere scheitern. Ein Beispiel dafür ist die Energiegenossenschaft Rodgau/Rödermark (Energo). Als die damalige CDU/FDP-Bundesregierung 2012 überraschend die Einspeisevergütungen kappte, wurde die geplante Sonnenstromanlage auf dem Dach des Feuerwehrhauses Rodgau-Süd über Nacht unrentabel. Die Energo-Gründung verzögerte sich damit um mehr als ein Jahr. Nun setzt die Energiegenossenschaft in erster Linie auf Wärmeversorgung.

Die „Sonneninitiative“ hingegen tritt nicht als Genossenschaft auf, sondern bündelt die Interessen von Kapitalanlegern. Ein Bürgersonnenkraftwerk des Vereins besteht aus mehreren Photovoltaikanlagen, die auf einem großen, meist öffentlichen Gebäude errichtet werden. Die einzelnen Anlagen gehören Bürgern der Region und sind technisch zu einer großen Anlage verbunden. Jeder Teilnehmer ist Eigentümer seiner Anlage und wird steuerlich so behandelt, als hätte er die Anlage auf dem eigenen Dach errichtet. Der Verein übernimmt Wartung, Versicherung, Überwachung und Abrechnung. So tragen die Teilnehmer zwar das unternehmerische Risiko, haben mit ihrer Geldanlage aber wenig Arbeit.

Das so genannte Bürgersonnenkraftwerk auf der Heinrich-Böll-Schule ist bereits die dritte Anlage dieser Art in Rodgau. Zwei weitere arbeiten auf den Dächern des Wasserwerks in Jügesheim und - von einem anderen Anbieter - der Sporthalle Wiesbadener Straße. Das nächste Projekt steht in den Startlöchern: Derzeit sucht der Verein „Sonneninitiative“ Geldgeber für ein Bürgersonnenkraftwerk auf dem Dach der Georg-Büchner-Schule Jügesheim.

Der heiße Draht zur Energiewende

(eh)

Quelle: op-online.de

Kommentare