Bürgermeister im Interview

Jürgen Hoffmann tritt wieder an

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Jürgen Hoffmann

Rodgau - Drei von sechs Amtsjahren hat Bürgermeister Jürgen Hoffmann (SPD) hinter sich. Für den früheren Chef der Stadtwerke waren sie ein Gewinn. Schon jetzt steht für ihn fest: „Ich trete wieder an.“ Wir sprachen mit ihm zur Halbzeit über seine offenen Projekte.

Fühlen Sie sich wohl im Job?

Sehr wohl sogar.

Was schätzen Sie denn an Ihrer Arbeit besonders?

Den Umgang mit Menschen, die Kommunikation, das Verhältnis zu den Kolleginnen und Kollegen in der Verwaltung und die Tatsache, dass ich Gelegenheit habe, offen über alles zu reden.

Hat Sie Ihr Posten in den vergangenen drei Jahren verändert?

Ich für mich sage: nein. Aber das müssen andere beurteilen.

Nehmen Sie Einschränkungen durch den Beruf für sich wahr?

Nein, für mich ist das eine echte Bereicherung. Auch weil es Spaß macht, Rodgauer Bürgermeister zu sein.

Was haben Sie sich beim Amtsantritt anders vorgestellt und müssen jetzt damit zurechtkommen?

Nichts. Ich habe mir nicht vorgestellt, dass das alles einfach wird und jeder sofort begeistert ist.

Also keinerlei Ernüchterung bisher.

Nein.

Eins Ihrer großen Themen ist der Wunsch nach einem Zusammenwachsen der Stadtteile. Wo sehen Sie Anzeichen, dass es Fortschritte gibt?

Wenn ich mit den Menschen über Rodgau rede, merke ich, dass da Stolz mitschwingt. Erst kürzlich bei meinem Besuch in der Partnerstadt Donja Stubica war das wieder so. Ich habe mich sehr gefreut darüber, dass der Partnerschaftsverein jetzt Rodgau / Donja Stubica heißt. Zum Anderen habe ich wahrgenommen, dass alle stolz sind, den Namen Rodgau zu führen und zu präsentieren.

So wie die Handballspielgemeinschaft, die jetzt als HSG Rodgau-Nieder-Roden antritt.

Genau. Darüber habe ich mich sehr gefreut.

Aber warum klappt’s mit dem Zusammenwachsen bei den Gewerbevereinen und beim seit 2011 geplanten Stadtfest nicht?

Weil es ein Zusammenwachsen ist und nicht ein Zusammenflicken oder Zusammenschustern. Das ist ein langsamer Prozess, der auch nicht immer dasselbe Tempo hat. Die Gewerbevereine haben eine lange Vorgeschichte. Das darf man nicht vergessen. Aber ich bin dennoch davon überzeugt, dass dieses zarte Pflänzchen des Zusammenwachsens erblühen wird, weil wir das an gemeinsamen Projekten festmachen. Irgendwann wird das so normal sein, dass man gar nicht mehr drüber nachdenken wird, ob wir zusammenwachsen. Dann ist es einfach ganz selbstverständlich passiert. Entscheidend ist, dass wir Dinge tun, die die gleichen Interessen herausstellen und nicht die Gegensätze.

Aber feiern wollen doch alle gern. Trotzdem ist das Stadtfest bisher nichts geworden.

Das würde ich so nicht sagen. Wir planen ja noch. Nur haben wir festgestellt, dass das Ganze für nur 10.000 Euro nicht zu machen sein wird. Da müssen ganz andere Größenordnungen aufgerufen werden, als wir sie bisher beschlossen haben. Vielleicht wäre es auch eine Idee, sich dazu noch andere Gäste zu holen und daraus ein Partnerschaftsfest zu machen.

Es ist aber doch ein deutliches Zeichen für mangelndes Interesse an stadtweiten Festen, dass der „Tag der offenen Unternehmen“ nun schon zwei Jahre in Folge unter mangelhafter Beteiligung gelitten und deshalb nicht funktioniert hat.

Wie gesagt: Es nützt nichts, die Verbindungen zu suchen, die noch nicht da sind. Es nützt nichts, etwas zusammenkleben zu wollen. Wir müssen das über gemeinsame Projekte versuchen, die wir im Moment planen.

Ein anderes Thema muss die Verbesserung der Einnahmesituation der Stadt sein. Größere neue Gewerbesteuerzahler haben sich in Rodgau in den zurückliegenden drei Jahren aber nicht angesiedelt.

Nicht diejenigen, die man sofort sieht. Immerhin sind wir inzwischen bei 14,2 Millionen Euro geplante Gewerbesteuereinnahmen. Das ist eine erhebliche Steigerung. Damit haben wir unsere Ziele erreicht. Wir sind in einer Entwicklung, die ihre Früchte erst noch tragen muss. Das Gewerbegebiet D 27 zum Beispiel wird erschlossen und wachsen. Und wir haben einen hervorragenden Bestand mittelständischer Unternehmen.

Aber der Gewerbesteueranstieg ist doch keineswegs ein Verdienst der Stadt, sondern hängt allein mit der guten Konjunktur zusammen.

Da gebe ich Ihnen Recht. Aber es gab durchaus auch Ansiedlungen, die weitere Steuereinnahmen bringen.

Trotzdem wächst der Schuldenstand der Stadt bedrohlich. In diesem Jahr liegen wir bei etwa 80 Millionen, 2012 waren es etwa 75 Millionen. In Ihrer Amtszeit ist der Schuldenstand nicht niedriger geworden, sondern gestiegen. Sind Sie der „Schuldenbürgermeister“, wie die Rathaus-Opposition proklamiert?

Dass die Situation so ist, habe ich bereits bei meinem Amtsantritt gesagt. Seit Jahren befinden wir uns im Sinkflug. Jetzt sehen wir bereits den Boden. Das heißt wir müssen auf Sparkurs bleiben. Aber das ist ein großer Tanker. Wenn man das Ruder herumreißt, bewegt er sich nicht sofort.

Sie reduzieren das Jahresdefizit im Haushalt jedes Jahr um etwa 1,5 Millionen Euro. Trotzdem steigen die Gesamtschulden der Stadt. Ist dieser Zug überhaupt noch aufzuhalten?

Wissen Sie: Bei rund 26,2 Millionen Kreis- und Schulumlage haben wir schon ein strukturelles Problem. Nach allen Abzügen bleiben uns fünf Millionen Euro. Dass wir da in strukturelle Schwierigkeiten kommen, ist eine ganz normale Geschichte. Das wird nur durch mehr Einnahmen besser werden. Diesen Weg gehen wir konsequent. Denn die Kürzung von Ausgaben betrifft die Bürger. Ich habe kein Interesse, öffentliche Einrichtungen schließen zu müssen.Vielmehr geht es darum, den Leistungsstand zu halten, der nicht überzogen ist. Dazu brauchen wir höhere Einnahmen. Das geht nur über Prosperität bei den Menschen, die hier leben und wohnen und bei den Unternehmen.

Auch die Hängepartie um das medizinische Kompetenzzentrum „Medicum Rodgau“ beschäftigt die Bürger. Wir haben gehört, der Investor plane das Gebäude um. Flächen, die eigentlich für ärztliche Angebote vorgesehen waren, sollen jetzt Wohnungen werden. Kann man da von einem Ärztehaus überhaupt noch reden?

Ich hoffe, ja. Es gibt da vertragliche Regelungen, mit denen ich leben muss. Der Investor will innerhalb der vertraglichen Grenzen mehr Seniorenwohnungen bauen. Das kann man kritisch bewerten. Andererseits hat das eine gewisse Wertigkeit. Man hat sich im Vertrag leider immer nur um ein Gebäude gekümmert. Wichtiger wäre es gewesen, klare Vereinbarungen über die Inhalte zu treffen. Wir vertrauen Herrn Werkmann, dass er gute Absichten hat. Inwieweit sie umsetzbar sind, wird sich zeigen. Das Schlimmste wäre ein leeres Gebäude. Keine gute Ausgangslage, ich weiß. Da wird man nur weiterkommen, wenn man gut miteinander redet. Daran arbeiten wir.

Was war bisher Ihr größter Erfolg, was Ihre bitterste Niederlage?

Der größte Erfolg ist, dass ich hier über Projekte und Veränderungen offen reden darf, über die früher nicht einmal nachgedacht werden durfte.

Was heißt das konkret?

Der größte Erfolg ist für mich die Bewegung in dieser Stadt. Daran teilzuhaben, ist toll. Und die größte Niederlage war (Hoffmann haut auf den Tisch), dass wir die Grundstücke der Sendeanlage des Hessischen Rundfunks in Weiskirchen nicht erwerben konnten. Die hätten wir sehr gerne als Ausgleichsfläche gehabt für Baugebiete. Das ist am Preis gescheitert. Wobei ich von einer öffentlich-rechtlichen Einrichtung nicht eine so eindeutig wirtschaftliche Sichtweise erwartet hätte. Wenn man sieht, dass der HR die eigene Fläche verschleudert und eine wertvolle Qualitätsaufbesserung für die Bürger überhaupt nicht ins Kalkül gezogen wurde, wird man schon ärgerlich.

Was sollen die Bürger noch Positives mit Jürgen Hoffmann verbinden?

Immerhin haben wir es geschafft, zusammen mit anderen Städten das Thema Fluglärm in den Griff zu bekommen. Unsere Klage war erfolgreich. Das hat die Nachtruhe der Menschen gesichert.

Die Kita-Plätze sind kostenlos. Es wird ein Familienzentrum gebaut, Grundstücke für junge Familien werden erschlossen. Was bietet die Stadt aber ihren Senioren?

Stimmt. Bildungs-, Jugend- und Familienpolitik ist einer unserer Schwerpunkte in Rodgau. Das sichert die Ansiedlung junger Familien mit entsprechendem Einkommen - was ein wesentlicher Bestandteil unserer Haushaltsfinanzierung ist. Was die Senioren betrifft, gehen wir einen anderen Weg als in der Vergangenheit. Senioren heute wollen nicht nur bewirtet werden. Unser großes Beratungsangebot bildet diesen veränderten Anspruch ab. Wir bieten mehr als 15 Beratungsveranstaltungen an - von der Lebenshilfe über Rat bei Demenz oder Pflege bis zum Kochen. Auch schaffen wir Wohnraum für Senioren. Wie zum Beispiel in Jügesheim an der Ludwigstraße. Seniorenwohnungen wünsche ich mir auch in Nieder-Roden auf dem ehemaligen Feuerwehrplatz, in Weiskirchen, Hainhausen und Dudenhofen. Da haben wir gemeinsam mit Investoren eine Menge Arbeit vor uns. Aber wir packen das, weil uns ein selbstbestimmtes Leben unserer Bürger im Alter außerordentlich wichtig ist.

Bau von Seniorenwohnungen, Windräder, Biogasanlage, neue Konzepte für den Badesee, Umbau der Verwaltung, neues Einzelhandelzentrum im Ortskern von Jügesheim: Manche sagen, Sie hätten zu viele offene Baustellen.

Ja, es gibt viele offene Baustellen. Und für die Kollegen in der Politik und in der Verwaltung ist das eine Menge Arbeit. Aber es ist doch klar, dass die Projekte, die Sie aufgezählt haben, nicht alle zu 100 Prozent umsetzbar sind. Manches wird vielleicht sogar gar nichts. Zum Beispiel die Windkraft, wenn die Landesregierung uns ausbremst. Es kann auch sein, dass wir bei der Biogasanlage verlieren, weil wir es nicht schaffen, alle Kommunen zusammenzubringen, die wir dafür brauchen. Es macht aber auch keinen Sinn, sich bloß auf ein einziges Projekt zu konzentrieren. Wir gehen den anderen Weg und nehmen uns viele Projekte vor. Was natürlich länger dauern kann. Wir gehen Schritt für Schritt im Sinne einer positiven Stadtentwicklung voran.

Sie sind auch angetreten, um bei Projekten möglichst alle Beteiligten immer mitzunehmen. Mehr Bürgerversammlungen hat es deshalb in Rodgau aber bisher nicht gegeben. Im Gegenteil. Etwa beim Konflikt um das Nieder-Röder Baugebiet N 39 sollte anfangs sogar nicht einmal der Ortsbeirat nach seiner Meinung gefragt werden.

Ich habe mich bei sehr vielen Veranstaltungen der öffentlichen Meinung gestellt. Zum Beispiel bei der Windkraft oder beim Spielplatzentwicklungskonzept und dem Streit um Grundstücke am Forschheimer See. Das heißt: Wir diskutieren schon öffentlich und nicht nur im stillen Kämmerlein. Es gibt allerdings Themen, an denen ändert auch eine breite Diskussion nichts. Da muss man den Leuten einfach sagen, was geht und was nicht. In solchen Fällen versuche ich, nicht ausschließlich Zustimmung zu bekommen, sondern wenigstens Verständnis. Das ist schwer in der Masse herbeizuführen. Da rede ich lieber in einem kleineren Kreis mit den Betroffenen.

Dennoch haben die angekündigten Veranstaltungen zur künftigen Nutzung der Feuerwehrgelände noch nicht stattgefunden.

Mit den Beteiligten schon, da sind wir durch. Ich habe in Hainhausen mit fast allen Anliegern des Grundstücks gesprochen und gesagt, wir können als Partner miteinander verhandeln, wenn ihr wisst, was ihr wollt. Wenn das dann so weit ist, gehen die Gespräche weiter. In Jügesheim finden laufend Gespräche statt, in Nieder-Roden sind sie gelaufen. Da habe ich keinen Rückstand.

Haben Sie beim Versuch, alle immer einzubinden, schon Lehrgeld bezahlt - etwa bei der zähen Auseinandersetzung mit Vereinen und deren Dachverbänden als es um die neuen Nutzungsgebühren für städtische Hallen ging?

Nein. Das war ein Thema, da haben wir sogar breitere Zustimmung erfahren als erwartet. Und es gab dabei einen sehr positiven Effekt: Es gibt jetzt ein Bewusstsein dafür, wie hart Vereine mit eigenen Liegenschaften für die Erhaltung dieser Immobilien arbeiten müssen und welch hohen Beitrag sie zur Gesellschaft leisten. Und dass es Vereine gibt, die vorhandene Liegenschaften nur nutzen. Wir haben hier einen ausgewogenen Prozess, der teils Zustimmung, Ablehnung und teils Unverständnis findet. Aber grundsätzlich wird inzwischen verstanden, warum wir Hallengebühren brauchen.

Muss es so kompliziert sein, dass Vereine für die Anmeldung einer Veranstaltung acht Seiten ausfüllen müssen?

Nein. Deshalb habe ich in der Verwaltung um Prüfung gebeten, ob man das nicht übers Internet besser steuern kann. Zum Beispiel dass nicht immer alle Fragen bis zum Schluss beantwortet werden müssen - abhängig davon, was man anfangs schon beantwortet hat. Der Fragenkatalog auf Papier muss natürlich so ausführlich sein, aber wir müssen eine bessere Alternativlösung finden.

Wo sehen Sie bei den Hallengebühren denn noch Nachsteuerungsbedarf?

Wir haben Probleme, genug Hallenzeiten für alle Vereine zu finden. Da müssen wir moderieren. Grundsätzlich haben wir alles richtig gemacht. Ich sehe keine wesentlichen Dinge, die geändert werden müssten.

Mit welchem Slogan werden Sie zur Wiederwahl antreten?

Schön, dass Sie voraussetzen, dass ich wieder antrete. Das werde ich in der Tat machen, weil ich Ziele habe und die Menschen hier weiter mitnehmen möchte. Es ist toll, dabei sein zu dürfen. Aber mein Handeln richtet sich nicht auf das Ziel einer Wiederwahl. Wenn man diesen Gedanken in sich trägt, verdirbt er einen. Dieser Gedanke bringt einen dazu, Entscheidungen nur noch vor diesem Hintergrund zu treffen. Genau das tue ich aber nicht. Alle meine Entscheidungen müssen geradlinig, nachvollziehbar und verständlich sein. Nicht für jeden gut und schön, aber man muss eine Linie erkennen. Diese Linie zu beurteilen, wird dann Aufgabe des Wählers sein.

Mit Bürgermeister Jürgen Hoffmann (SPD) sprachen Bernhard Pelka und Ekkehard Wolf

Quelle: op-online.de

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