Auf der Strecke zwischen Jügesheim und Nieder-Roden

Der 99er wird Stammkunden fehlen

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Am Jügesheimer Busbahnhof steht die OF-99 um 7 Uhr schon einige Minuten vor der Abfahrt bereit. Die Linie nach Nieder-Roden wird im Dezember eingestellt.

Rodgau - Nur noch fünf Wochen lang fährt die Buslinie OF-99 zwischen Jügesheim und Nieder-Roden. Zum Fahrplanwechsel am 10. Dezember wird die Verbindung gekappt. Was sagen die Fahrgäste dazu? Hier sind Eindrücke eines Morgens. Von Ekkehard Wolf 

Es ist 7 Uhr früh am Busbahnhof Jügesheim. Der Motor brummt, ein starkes Gebläse pustet den Fahrgästen warme Luft um die Ohren. Sieben Schüler und zwei Frauen sitzen im Bus der Linie OF-99 nach Nieder-Roden. Aus einem Ohrhörer dringt Musik. Zwei Schüler scherzen und lachen, einer von ihnen spielt ein paar Takte Luftgitarre. Auf den hinteren Bänken sitzen ältere Jugendliche, die Smartphone-Bildschirme beleuchten ihre Gesichter.
Gegenüber hält der Bus aus Langen, ebenfalls ein 99er. Jügesheim ist für ihn ein Zwischenstopp auf der Fahrt nach Seligenstadt. Etwa 20 Leute steigen aus, zehn steinen ein. Einige wechseln in den Bus nach Nieder-Roden. Der fährt um 7.03 Uhr mit 14 Fahrgästen los und rumpelt über die Eisenbahnstraße.

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Keine Hoffnung für den 99er Bus

Ein laminiertes Kleinplakat am Fenster weist darauf hin, dass es die Linie OF-99 nach Nieder-Roden bald nicht mehr geben wird. „Veränderte Bedienung“ steht dort als Überschrift. Man könnte es auch deutlicher formulieren. Vier junge Leute steigen an der Haingrabenstraße zu. Dann geht’s nach Dudenhofen. Der Fahrer bremst vor der Fahrbahnschwelle am Friedhof, sacht rollt der Bus darüber hinweg.

Eine Traube an Schülern wartet an der Einhardstraße. Zwei Männer steigen aus und machen sich auf den Weg zur Arbeit im VGP-Gewerbepark. Der Bus ist jetzt voll. An den nächsten vier Haltestellen steigen ein paar weitere Fahrgäste ein. An der Hügelstraße kommt der 99er aus Nieder-Roden entgegen, er ist etwa zur Hälfte besetzt.

Wie kommt ihr in Zukunft in die Schule? „Für uns wird das schon ein Problem“, sagen zwei Mädchen. Bis zur S-Bahn-Station müssen sie erheblich mehr Fußweg einplanen. Viele Schüler im Bus verstehen die Aufregung darüber, dass diese Linie bald wegfällt. „Mein Vater hat einen Leserbrief geschrieben“, erzählt eine Schülerin, „von uns sind es mehr als 1 000 Meter zur S-Bahn.“

1 000 Meter Luftlinie sind die Entfernung, die die Kreisverkehrsgesellschaft künftig für zumutbar hält. Bisher galt eine Distanz von 500 Metern um die S-Bahn-Stationen. Durch die Neudefinition wird die Buslinie OF-99 im Stadtgebiet überflüssig.

Nicht alle Schüler im Bus sind gleichermaßen auf diese Verbindung angewiesen. „Eigentlich könnte ich auch mit der Bahn fahren, aber ich fahre lieber mit dem Bus“, sagt ein Junge aus Jügesheim.

Zur ersten und zur zweiten Schulstunde fährt der Bus morgens direkt an die Heinrich-Böll-Schule. Fast 40 Schüler sammeln sich am Ausstieg. „Achtung, festhalten!“, ruft einer in der letzten Kurve zur Zufahrt. Um 7.21 Uhr sind nur noch Busfahrer und Reporter an Bord. Aber nicht lange. Keine zehn Minuten später sind schon wieder zehn Sitze besetzt.

Eine Frau aus dem Leipziger Ring fährt täglich mit dem 99er zur Arbeit nach Jügesheim. In Zukunft ist sie auf die S-Bahn angewiesen. „Ich habe das schon eine Woche lang ausprobiert“, erzählt sie. „Leider fahren die S-Bahnen nicht, wenn sie fahren sollen. Wenn man an vier von fünf tagen zu spät kommt, ist das nicht amüsant. Da ist der Bus zuverlässiger.“

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Die Bushaltestelle Leipziger Ring ist 650 Meter Luftlinie vom Bahnhof entfernt. Der Fußweg ist fast doppelt so weit. Für ältere Menschen mit Rollator ist das unzumutbar. „Am Leipziger Ring und an der Chemnitzer Straße habe ich viele ältere Fahrgäste“, berichtet der Busfahrer. Dazu zählen auch die Nachbarn der Frau von vorhin: „Sie schaffen es nicht alleine bis zur S-Bahn. Wenn sie zum Arzt müssen, werden wir ihnen anbieten, sie mit dem Auto zu fahren.“

Die Einstellung der Buslinie möchte der Fahrer nicht kommentieren. Er berichtet aber von vielen Reaktionen seiner Fahrgäste: „Sie sind wirklich sauer.“ Er denkt dabei nicht nur an Alte, Kranke und Schüler, sondern an alle, die kein Auto haben. Wie sollen sie beispielsweise im neuen Rewe-Center einkaufen, wenn es dort keine Haltestelle mehr gibt?

Die Frau aus dem Leipziger Ring denkt auch an die geplanten Neubaugebiete: „Wenn die Stadt wächst, muss der Nahverkehr mitwachsen.“

Bisher waren lauter Fahrgäste mit Zeitkarten im Bus. Auf der Rückfahrt von Nieder-Roden verkauft der Fahrer an der Hainburgstraße das erste Einzelticket. Angela Kohls fährt seit rund zehn Jahren mit der Linie OF-99, aber nur dreimal pro Woche. Da lohnt sich die Monatskarte nicht. „Ich finde es schade, dass die Linie eingestellt wird“, sagt sie. „Der Bus ist praktisch, wenn man um die Ecke wohnt.“ Für Menschen, die wie sie in Dietzenbach arbeiten, ist der 99er besonders gut, weil er einmal pro Stunde über Jügesheim nach Dietzenbach weiterfährt.

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7.47 Uhr: Der Bus erreicht pünktlich den Bahnhof Jügesheim. Innerhalb von 44 Minuten sind rund 60 Personen mitgefahren. Keine schlechte Nachfrage für eine Buslinie, die jetzt gestrichen wird.

Von Mitte Dezember an müssen sich die Fahrgäste neu orientieren. „Ich habe damit kein Problem“, sagt ein Junge aus der Heinrich-Böll-Schule, „wir ziehen bald um und dann kann ich auch mit der S-Bahn fahren.“ Das ist natürlich auch eine Lösung.

Quelle: op-online.de

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