Rhythmus aus Anspannung und Entspannung

+
Das hat nichts von Kantine, Tabletts und kahlen Tischen: Das Mittagessen, an dem in drei Schüben rund 130 Kinder teilnehmen, soll ein wenig familiäre Atmosphäre vermitteln. Dazu gehören kleine Tischgruppen, Blumen und kindgerechte, gesunde Speisen.

Rodgau - Die Carl-Orff-Schule im Rodgauer Stadtteil Jügesheim ist die erste echte Ganztagsschule im Kreis Offenbach. Seit Herbst 2010 ist eine Klasse pro Jahrgang eine „echte“ Ganztagsklasse mit Anwesenheitspflicht von 8 bis 15. 30 Uhr. Von Christine Ziesecke

Unterricht und Freizeitangebote wechseln sich ab und verteilen sich über den ganzen Tag. „Eine harte Zeit, aber ich würde es jederzeit wieder machen“, sagt Sabine Döring (38), seit zwölf Jahren Rektorin der Orff-Schule. Der Anstoß zur Ganztagsschule kam vor sieben Jahren aus dem Kollegium. Erst mit der Sanierung des Altbaus und dem über das Konjunkturpaket finanzierten Neubau war es möglich, die Visionen in die Wirklichkeit umzusetzen.

In den Ganztagsklassen 1 a, 2 a und 3 a gibt es einen gesunden Wechsel zwischen Unterricht, Übungszeit, Wahlangeboten und Freispiel in einem Rhythmus von Anspannung und Entspannung.

45 Minuten Übungszeit sind jeden Tag im Plan enthalten – reine Betreuung für die Fitten, individuelle Förderung für die Schwächeren und wer fertig ist, geht in den Freispielraum. Die Wahlpflichtkurse werden von örtlichen Sportvereinen und der Freien Musikschule gestaltet.

„Das Zusammenwachsen ist für alle Beteiligten in den Teams eine enorme Horizonterweiterung“, sagt Sabine Döring, „schließlich kommen nicht alle Betreuer aus pädagogischen Berufen, es sind auch ehemalige Journalisten dabei, Vereinstrainer oder auch Hotelfachleute, die einen Benimmkurs anbieten.“ Ein starker Förderverein arbeitet Hand in Hand mit der Schule. Kooperationsstunden und gemeinsame Konferenzen von Lehrern und Betreuerteam gehören dazu. Für das neue Modell hat das Schulamt eine zusätzliche Lehrkraft genehmigt.

Um 17 Uhr ist Schluss

Morgens um 7 Uhr öffnen die Türen sich für die ersten Schüler. Dann beginnt der Tag mit einem gemütlichen Frühstück bei Kerzenschein und kleinen Hörspielen. Von 8 bis 15.30 Uhr ist die Kernzeit, in der alle anwesend sind. Definitiv Schluss ist um 17 Uhr. Hausaufgaben gibt es danach nicht mehr. Bis auf kleine Übungen im Kopfrechnen oder Lesen ist der Rest des Tages wirklich frei.

„Das ist eine verdammt lange Zeit“, ist Sabine Döring klar, „die Geborgenheit eines Elternhauses können wir nicht ersetzen, aber wir können versuchen uns dem anzunähern.“ Dafür bedarf es der Kontinuität beim Personal und guter Rückzugsmöglichkeiten. Dazu laden kleine Räume, ein Ruheraum und die Bücherei ein.

Das Mittagessen kommt von drei Caterern, die viel Rücksicht auf den kindlichen Geschmack nehmen. Es wird dargeboten im familiären Rahmen, weit weg vom Kantinencharakter, sondern in kleinen Tischgruppen mit frischen Blumen und Kerzen.

Mit einem Fragebogen zur Optimierung des Ganztagsangebots hat die Schulleitung vor den Osterferien die Eltern befragt, um noch rechtzeitig zum neuen Schuljahr reagieren zu können. Auf 95 Prozent Rücklauf ist die Schule stolz und aufs Ergebnis kann sie es auch sein. Alle Familien hätten diese Schulform nach den ersten Erfahrungen wieder gewählt. „Kritisch gesehen finden sich immer Kleinigkeiten, die sich organisatorisch verändern lassen“, fasst die Rektorin zusammen. Auf die Frage nach Über- oder Unterforderung kreuzten alle Eltern „kommt gut mit“ an, ebenfalls alle sprechen von einem „optimalen Lernfortschritt“ ihrer Kinder. Fast 100 Prozent bescheinigten der Schule auch, dass ihr Kind nicht lustlos, sondern motiviert in die Schule geht.

Eltern und Lehrer sind zufrieden

„Auch bei den Kindern selbst nehme ich eine große Zufriedenheit wahr“, sagt Sabine Döring. Sie spricht nicht nur als Schulleiterin, sondern auch als Mutter - ihr Sohn geht in die zweite Ganztagsklasse. „Bei uns klappt das gut, mein Sohn ist sehr selbstständig geworden.“

Auch in den Ganztagsklassen ist nur der Unterricht kostenlos. Für die Betreuungsleistung in der Freizeit bezahlen die Eltern 178 Euro pro Monat. Damit sind Frühstück, Mittagessen und alle Freizeitangebote einschließlich Musikschule oder Tennisstunden knapp kalkuliert.

Besonders wichtig ist der Rektorin die gute soziale Durchmischung in ihrer Schule - Elternarbeit ist hier extrem wichtig, und der Austausch funktioniert gut. „Viele Eltern sagen sich: Wir wollen unseren Kindern Gutes tun, auch wenn sie damit lange Zeit aus dem Elternhaus weg sind.“ Für die kommenden Ganztagsklassen bis ins Jahr 2017 liegen schon viele Anmeldungen vor.

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare