Chance zum Neuanfang im neuen Jahr

Die Sehnsucht nach einem Neuanfang ist an der Schwelle zum neuen Jahr immer noch vorhanden, wenn auch nicht mehr mit Händen greifbar wie in den Wochen vor der Bürgermeisterwahl. Von Ekkehard Wolf

Selten hat ein bevorstehender Wahlgang die Bevölkerung so entzweit. Wer der neue Verwaltungschef im Rathaus werden soll, wurde von interessierter Seite zur Glaubensfrage hochstilisiert. Dabei geht es doch nur um einen Wahlbeamten für sechs Jahre - nicht mehr.

132 Stimmen trennen schließlich in der Stichwahl den Herausforderer Jürgen Hoffmann (SPD) von Amtsinhaber Alois Schwab (Ex-CDU). „Diese Zahl wird mich die nächsten Jahre verfolgen“, ahnt Hoffmann. Der haarscharfe Sieg bedeutet für ihn aber zunächst eine große Aufgabe: Er muss Gräben überwinden, obwohl er sie selbst nicht aufgerissen hat. Nur dann kann der künftige Bürgermeister seinen Wahlspruch „Rodgau gewinnt“ glaubwürdig in die Tat umsetzen.

Ekkehard Wolf

Hoffmann steht sieht sich mit hohen Hoffnungen und Erwartungen konfrontiert. Das birgt die Gefahr des Scheiterns in sich. „Alle ins Boot holen“ ist sein Motto. Mit diesem Konsenskurs grenzt er sich von den einsamen Entscheidungen seines Amtsvorgängers ab. Dass das gut gehen kann, beweist Stadtrat Michael Schüßler. Seit er überraschend Hochbaudezernent wurde, setzt er bei den Neubauprojekten für die Feuerwehr auf Transparenz - und fährt gut damit.

Anderes Klima durch Wechsel an der Spitze?

Ob der Wechsel an der Spitze auch das politische Klima verändert, bleibt abzuwarten. Immer nur schmutzige Wäsche zu waschen, macht auf Dauer keinen Spaß, weder den Lesern noch den Journalisten. Vor allem dann, wenn die Wäsche nicht sauberer wird. Der Begriff „Rodgauer Verhältnisse“ steht in der Region für eine üble Mischung aus Misstrauen, Polemik und Unfähigkeit zum Kompromiss. Das Ergebnis sind viel zu oft sachfremde Entscheidungen nach dem Motto: „Haust du meinen Dezernenten, haue ich deinen.“

Auch das Müllchaos ist ein Teil der „Rodgauer Verhältnisse“. Es begleitet uns seit einem Jahr, obwohl doch alle ihr Bestes geben: Die Bürger bestellen brav viele Biotonnen, die Mitarbeiterinnen der Stadt schrubben Überstunden, die Entsorgungsfirma fährt Extraschichten sogar an Heiligabend. Eigentlich soll das neue Abfallsystem ja die Bürger und die Umwelt entlasten. Doch die gut gemeinte Änderung erweist sich als Ansammlung von Pleiten, Pech und Pannen.

Die Bürokratie treibt bisweilen skurrile Blüten. So gilt eine 40 Kilogramm schwere Bügelmaschine als „Kleingerät“, das die Sperrmüllabfuhr nicht mitnehmen darf. Eine Welle des Ärgers löst das Verbot aus, kompostierbare Beutel aus Maisstärke in die Biotonne zu werfen. Das Verbot kommt erst, nachdem sich viele Bürger mit einem Vorrat dieser Beutel eingedeckt haben. Mülldetektive wühlen in den Tonnen, ob nicht doch ein illegaler Biobeutel unter der modernden Pampe versteckt ist. Guten Appetit!

676.000 Euro Miese im Müll-Etat

Zusätzliche Dynamik erhält die Diskussion durch den VdK Rodgau, der für Stoma-Patienten wieder eine wöchentliche Müllabfuhr fordert, koste es, was es wolle. Ähnlich lautstark artikulieren Eltern ihren Wunsch nach einer kostenlosen Windeltonne. Als Ergebnis gibt‘s Windelcontainer am Recyclinghof und preisreduzierte Müllsäcke für Betroffene.

Im Herbst muss sich Erste Stadträtin Hildegard Ripper wegen hoher Beraterhonorare und Call-Center-Rechnungen verantworten. Am Jahresende stehen 676.000 Euro Miese im Müll-Etat, höhere Gebühren sind unausweichlich. Das ist besonders ärgerlich, weil die lückenhafte Vorbereitung schon vor einem Jahr absehbar war.

Indianertänze locken im August mehr als 1 000 Besucher zum Powwow nach Jügesheim. Der Erlös der Benefizveranstaltung bleibt hinter den Erwartungen zurück. Am Ende freut sich die Elterninitiative „Die kleinen Strolche“ über 500 Euro.

Andere Planungsfehler werden erst später bestraft. So ist die unendliche Geschichte um den Weiterbau der Rodgau-Ringstraße nach Norden um ein Kapitel reicher: Der Verwaltungsgerichtshof Kassel erklärt den Bebauungsplan im Juni für unwirksam, weil die Stadt vor über einem Jahrzehnt zwar mehrere Streckenführungen untersuchen ließ, sich aber dann für eine ganz andere Trasse entschieden hat. Bürgermeister Schwab hätte die Normenkontrollklage möglicherweise verhindern können, wenn er mit dem Kläger vorab verhandelt hätte. Schwab beruft sich darauf, er habe keinen Verhandlungsauftrag gehabt. Ein Magistratsprotokoll belegt das Gegenteil.

Noch unangenehmer als der Richterspruch aus Kassel ist das politische Nachspiel. Statt nach vorne zu blicken, wird genüsslich aufgewärmt, wer wann für oder gegen die Rodgau-Ringstraße war. Wen interessiert das heute noch?

In einem anderen Fall führen die „Rodgauer Verhältnisse“ zum klassischen Eigentor. Weil sich die Fraktionen in Sachen Kieswerk am Badesee in ihren widersprüchlichen Anträgen verheddern, gibt die Stadt am Ende gar keine Stellungnahme ab. Mit der Folge, dass das passiert, was keiner will: Die Sand- und Kiesfirma darf 40 Jahre weiter baggern und kann sich mit der Ufergestaltung Zeit lassen.

Meilenstein für Bildung und Integration

Aber es geht auch anders. Das beweisen unter anderem die beiden Großprojekte für die Feuerwehr, mit denen es in beeindruckendem Tempo voran geht. Während das Feuerwehrhaus an der Rußfabrik nach jahrelangem Hin und Her so richtig in die Gänge kommt, wird der Stützpunkt am Festplatz Nieder-Roden innerhalb weniger Monate planerisch aus dem Boden gestampft. Das Konjunkturpaket II ermöglicht nicht nur den Neubau in Nieder-Roden, sondern lenkt auch den Blick auf den Sanierungsstau der stadteigenen Immobilien. Als Konsequenz daraus baut Rodgau wohl bald die ersten Sozialwohnungen seit 1998.

Außer Spesen nichts gewesen: In Sachen Kiessee-Erweiterung landen die Stadtverordneten ein Eigentor.

Einen Meilenstein für Bildung und Integration setzt Rodgau in den Kindergärten. Während andere Städte nach dem Erzieherstreik vom Sommer die Gebühren erhöhen, ist in Rodgau jetzt auch das vorletzte Kindergartenjahr kostenfrei. Ab 2011 können in Rodgau alle Kinder ab drei Jahren kostenlos einen Kindergarten oder eine Tagesstätte besuchen. Nur das Essensgeld müssen die Eltern dann noch bezahlen. Auch die pädagogische Qualität lässt sich sehen: Die Kindertagesstätte „Die kleinen Strolche“ wird als „Haus der kleinen Forscher“ ausgezeichnet.

Mutige Schritte gehen auch Rodgauer Vereine. Der TSV Dudenhofen wagt sich mit einem Kunstrasenplatz an die größte Investition seiner 120-jährigen Vereinsgeschichte. Eine Elefantenhochzeit bahnt sich in Jügesheim an: TGS und TGM SV wollen sich „auf Augenhöhe“ zu einem Großverein zusammenschließen. Das braucht Zeit. Erst im Jahr 2011 soll die Fusion wirksam werden. Das ist eine freiwillige Entscheidung: Beide Partner wollen aktiv ihre Zukunft gestalten und nicht warten, ob sie eines Tages in eine Zwangslage geraten. Von so viel Weitsicht könnte sich auch mancher Politiker eine Scheibe abschneiden.

Quelle: op-online.de

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