Der Nahversorger ist wieder in

Die Corona-Krise führt in Rodgau zum Nachdenken über das Kaufverhalten

Markierungen auf dem Boden zeigen beim Bäcker Schäfer, wo es mit Abstand lang geht.
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Markierungen auf dem Boden zeigen beim Bäcker Schäfer, wo es mit Abstand lang geht.

In Rodgau sind besonders Kleinunternehmen von der Corona-Krise betroffen. Aber erste Erfahrungen machen Mut.

  • Kleine Unternehmen in Rodgau haben es wegen des Corona-Virus besonders schwer
  • Solidarität hilft den Kleinunternehmen in Rodgau durch die Corona-Krise
  • Hilfe kommt während der Corona-Krise auch von unerwarteter Seite

Rodgau – In schweren Zeiten ist auf Stammkunden Verlass. Einzelhändler und Gastronomen berichten von positiven Erfahrungen. Zum Beispiel die Handwerksbäckerei Schäfer. Mehr als 90 Jahre besteht das Familienunternehmen inzwischen und stellt sich nun den Herausforderungen der dritten großen Talfahrt in seiner Firmengeschichte – nach der Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er-Jahre und dem Zweiten Weltkrieg. „Ein beruhigendes Gefühl“ sei es da, „dass alle Mitarbeiter mitziehen und auch sich selbst in der Verantwortung sehen“, beschreibt Senior-Chef Wolfgang Schäfer seine Emotionen.

Rodgau: „Alle 110 Mitarbeiter sollen an Bord bleiben“

Der Betrieb verstehe sich als Nah- und Grundversorger in der Region. „Diesem Anspruch sehen wir uns verpflichtet, das nehmen wir alle sehr ernst“, sagen Schäfer und sein Sohn Sascha wie aus einem Mund. Immer häufiger erfahren die Beiden, dass die Kunden dieses Engagement und Selbstverständnis derzeit besonders zu schätzen wissen. „Es ändert sich Vieles im Moment, zum Beispiel unser Tempo im Alltag – aber auch die Denke. Die Kunden warten geduldig mit Abstand zueinander und benehmen sich vorbildlich und diszipliniert“, machen die Unternehmer ein dickes Kompliment. Ihr Ziel ist es, dass alle 110 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an Bord bleiben. „Es soll keiner betriebsbedingt freigestellt werden.“

Rodgau: Arbeiten unter erschwerten Bedingungen für alle

Schon sechs Tage vor den politisch verordneten Ladenschließungen machte die Bäckerei Schäfer ihre zwei großen Cafés in Heusenstamm und Weiskirchen sowie die Sitzbereiche in den Filialen Dudenhofen und Jügesheim freiwillig dicht. Alle sieben Betriebsstätten arbeiten voneinander getrennt. Es findet keinerlei Personalaustausch statt. Die Mitarbeiter dürfen sogar privat nur in jener Bäckereifiliale einkaufen, in der sie arbeiten. Alle Fahrer dürfen die Filialen, das Lager und die Backstube am Stammsitz in Hainhausen nicht mehr betreten. Das gilt auch für externe Anlieferer. Die Übergabe der Ware findet im Hof und mit Handschuhen statt. Dort steht ein beheiztes Zelt mit Dixi-Klo, Waschbecken und Desinfektionsspendern, in dem die Fahrer ihre Pausen machen.

Alle Mitarbeiter haben einen Verhaltenskodex mit Hygienemaßnahmen verinnerlicht und unterzeichnet. In den Filialen hängen Plexiglasscheiben zum Schutz der Kunden und der Belegschaft. Markierungen auf dem Fußboden führen Kunden auf einen Rundweg, auf dem sie sich nur mit gebührender Entfernung begegnen. Gewartet wird mit Abstand.

Rodgau: Viel Hilfsbereitschaft für Fahrradladen und Restaurant

Der Fahrradladen Mauer in Weiskirchen fühlt sich von einer Welle der Hilfsbereitschaft getragen, wie Inhaberin Andrea Mauer berichtet. Viele Leute bringen ihre Fahrräder zur Reparatur, damit Mauers etwas zu tun haben. Stammkunden fragen per Whatsapp, ob sie Gutscheine für die Zeit danach kaufen können. „Immer wieder fragen sie, wie es uns geht“, freut sich Andrea Mauer: „Ich weiß, dass unsere Kunden nett sind. Dass es so in Hilfsbereitschaft ausartet, hätte ich nicht gedacht.“

200 Meter entfernt bietet Fikri Yilmaz im Restaurant des Bürgerhauses Weiskirchen seit Mittwoch letzter Woche einen Abholdienst an. Stammkunden hatten ihn angerufen und darum gebeten. Das traf sich gut, wie der Wirt erzählt: Nach vier Tagen des Nichtstuns sei ihm daheim die Decke auf den Kopf gefallen. Nun gibt es fast alle Gerichte der Speisekarte zum Mitnehmen. „Wir können nicht davon leben, aber es ist besser als nichts“, sagt Fikri Yilmaz. Ansonsten nutzt er die Zeit für kleine Renovierungsarbeiten. So hat er ein Rasenstück neu eingesät. An der Rückwand der Terrasse wird ein neues Bild angebracht: „Eine italienische Landschaft auf 27 Quadratmetern“, wie Werbetechniker Michael Hügel sagt.

Rodgau: Blumenladen wird vom Lieferanten unterstützt

„Wir liefern Blumen für die Seele“ steht auf einem Aufsteller vor dem Blumenladen am Ludwig-Erhard-Platz. Ein Online-Bestellsystem habe sie schon länger, berichtet Martina Schwanzer: „Jetzt ist die beste Gelegenheit, es publik zu machen.“ Doch online läuft noch wenig. Vor allem die treuen Kunden rufen an und geben ihre Bestellungen auf. Da darf es gern auch mal ein Strauß mehr sein – aus Solidarität mit der Blumenhändlerin. Dennoch ist der Umsatz auch bei „Blumen & Schmuck Wodack“ viel geringer als sonst. Familienfeste wie Hochzeiten und Geburtstage fehlen. 

Obwohl der Großlieferant aus den Niederlanden zurzeit nicht mehr fährt, ist der Einkauf an frischen Schnittblumen gesichert. Martina Schwanzer hat Kontakt zu einem Händler, der direkt an der Versteigerung sitzt: Was sie nachmittags bestellt, wird in der Nacht geliefert. „In der Corona-Krise liefert er auch kleine Mengen. Hut ab! Er verdient auch nichts daran.“

Mit der Metzgerei Ricker wechselt eins der traditionsreichsten Familienunternehmen in Rodgau den Besitzer.

VON BERNHARD PELKA UND EKKEHARD WOLF

Quelle: op-online.de

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