„Das Dach ist ein Schweizer Käse“

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„Neben dem Tor regnet es am häufigsten rein“: HSG-Hausmeister Mariusz Bartoczewicz postiert einen Eimer an der gefährdeten Stelle. Das undichte Dach der Sporthalle Wiesbadener Straße lässt die Handballer um ihre Heimspiele zittern.

Rodgau ‐ In der Sporthalle tropft der Regen durchs Dach, im Kindergarten zieht es durch Jahrzehnte alte Einfachglasfenster und die Sozialwohnungen an der Unteren Sände sind eine Zumutung: Rund 100 Gebäude besitzt die Stadt Rodgau. Von Ekkehard Wolf

Der Sanierungsstau ist mit Händen zu greifen - ausgerechnet jetzt, wenn die Stadt kein Geld hat. Bundesmittel aus dem Konjunkturpaket II eröffnen nun die Möglichkeit, wenigstens einige Objekte zu sanieren. An erster Stelle steht die Sporthalle Wiesbadener Straße. „Das Dach ist ein Schweizer Käse“, sagt Jens Opderbeck von der Handballspielgemeinschaft (HSG) Nieder-Roden. Bei Regenwetter müssen die Hausmeister an wechselnden Stellen Eimer aufstellen, je nachdem, wo es gerade hereinregnet. Im November fiel ein Heimspiel aus, weil sich die Gegner weigerten, unter diesen Bedingungen anzutreten. „Am Tag darauf konnten wir nur mit großem Aufwand ein Erstmannschaftsspiel durchziehen“, so Opderbeck, „da musste ständig jemand zum Wischen neben dem Tor stehen.“ Seit fünf Jahren ärgern sich die Sportler über das kaputte Flachdach. Weil Flickwerk an der Folie nichts mehr nützt, plant die Stadt eine komplette Dachsanierung, wie Stadtrat Michael Schüßler sagt. Kosten: eine halbe Million.

Keinen Gedanken an Instandhaltung verschwendet

Nachdem die Landesmittel aus dem Konjunkturpaket II für das neue Feuerwehrhaus Süd verplant sind, stehen laut Schüßler noch rund 960.000 Euro aus dem Bundesprogramm zur Verfügung. Bis Ende 2010 kann die Stadt dieses Geld ausgeben. Eigentlich bräuchte sie fünf Millionen, um die Liste der wichtigsten Maßnahmen abzuarbeiten.

Ölofen in der kleinen Küche, hässliche Rohre und nackte Glühbirne auf dem Örtchen: An den Wohnungen in der Unteren Sände 3 und 3 a hat die Stadt seit Jahren nur das Nötigste getan.

In besseren Zeiten hat die Kommunalpolitik kaum einen Gedanken daran verschwendet, die Gebäude in Schuss zu halten. Als die Steuereinnahmen zurückgingen, diente der Posten „Instandhaltung“ als Spielraum, um den Haushalt auszugleichen. Über Jahre hinweg wurden der Etat der Hochbauabteilung zusammengestrichen. Am Ende blieb nicht mal genug Geld für das Notwendigste.

Die Folgen sind etwa in den Sozialwohnungen an der Dietrich-Bonhoeffer-Straße zu besichtigen. Dort verrotten die Fensterrahmen, weil sie zu selten gestrichen wurden. Auf Beschluss des Stadtparlaments hatte die Stadt kein widerstandsfähiges Tropenholz, sondern heimische Hölzer verbaut. Nun kommen dort Kunststofffenster hin.

Skurrile Auswüchse der Sparsamkeit zeigen sich in der Kindertagesstätte Freiherr-vom-Stein-Straße. Die Stadt heizt dort die Außenluft, weil es noch alte Fenster mit Einfachverglasung gibt. Der Austausch durch moderne Verbundscheiben (60 000 Euro) wurde auf vier Jahre gestückelt, um die Kosten der Einzelmaßnahme zu drücken. Das bedeutet vier Ausschreibungen, vier Magistratsbeschlüsse, vier Mal Bauarbeiten im Kindergarten - und erst nach vier Jahren sinkt der Energieverbrauch.

Kalkulation enthält erstmals Instandhaltungsrücklage

Wir haben unsere Gebäude kaputt gespart“, sagte Stadtrat Schüßler im November im Bau- und Verkehrsausschuss. Als Beispiel nannte er die Wohnhäuser Untere Sände 3 und 3 a: „Diese Immobilien haben nach knapp über 40 Jahren einen Zustand erreicht, dass wir sie eigentlich nur noch abreißen können. Weil wir in all den Jahren nicht einen Euro planmäßig in die Instandhaltung investiert haben.“ Das will Schüßler nun ändern. Die Kalkulation für die geplanten Sozialwohnungen an der Ludwigstraße enthält erstmals eine Instandhaltungsrücklage.

Ölofen in der kleinen Küche, hässliche Rohre und nackte Glühbirne auf dem Örtchen: An den Wohnungen in der Unteren Sände 3 und 3 a hat die Stadt seit Jahren nur das Nötigste getan.

„Mit einem einfachen ,Weiter so‘ wird es nicht gehen“, ist der Hochbaudezernent überzeugt. Auf dem Weg zu einem professionellen Gebäudemanagement sei die Verwaltung dabei, den gesamten Gebäudebestand zu erfassen. Der nächste Schritt soll dann ein Sanierungsplan sein. „Wir müssen weg von diesem Klein-Klein, bei dem wir hier und da mal 5.000 Euro investieren“, sagt Schüßler. Für die Untere Sände sieht er die einzige Chance in Abriss und Neubau. Sobald die letzten Bewohner ausgezogen sind, will er einen Investor suchen.

Die neue Form der kommunalen Finanzwirtschaft legt derart radikale Lösungen nahe. Sanierungskosten gelten als laufender Aufwand und dürfen buchhalterisch nicht mehr auf mehrere Jahre verteilt werden. Das macht es schwierig, aufwändige Arbeiten zu finanzieren.

„Die Einsparungen der Vergangenheit werden uns irgendwann einholen“, fürchtet der Hochbaudezernent. Er berichtet von Schiebetüren am Sozialzentrum Nieder-Roden, deren untere Halterungen wegfaulen. Knapp über 900.000 Euro hat die Stadt im letzten Jahr für die Instandhaltung ihrer Gebäude ausgegeben. Doppelt so viel ist nach einer Schätzung des Fachamts nötig, um den Immobilienbestand zu sichern.

Der Sanierungsstau betrifft nicht nur den Hochbau. Erste Stadträtin Hildegard Ripper wies in ihrer Haushaltsrede im Dezember auf die gekürzte Pauschale zur Straßenunterhaltung hin. Auch dort sei der Substanzerhalt gefährdet.

Hier gibt es viel zu tun:

‐  Sporthalle Nieder-Roden

Dach 529 000 Euro

Heizung 97 750 Euro

Fassade172 500 Euro

‐  Rathaus Jügesheim

Dachsanierung (teilweise) 92 000 Euro

‐  Kita Frh.-v.-Stein-Straße

Fenster 51 750 Euro

Fassade46 000 Euro

Jugendhaus Dudenhofen

Dach 80 500 Euro

Fenster 51 750 Euro

Fassade46 000 Euro

‐  Kita Bürgerhaus N-Roden

Dach 402 500 Euro

Beleuchtung 80 500 Euro

Fassade 57 500 Euro

‐  Altes Rathaus Hainhausen

Fassade 46 000 Euro

Dach 63 250 Euro

Fenster,Eingang 57 500 Euro

Trauerhalle Waldfriedhof

Fassade 51 750 Euro

Fenster, Tür172 500 Euro

Heizung 23 000 Euro

Decke dämmen 28 750 Euro

‐  Bürgerhaus Weiskirchen

Flachdach 109 250 Euro

Fenster 94 900 Euro

‐  Sporthalle Hainhausen

Heizung 97 750 Euro

Fassade 172 500 Euro

‐  Kita Robert-Koch-Straße

Heizung 46 000 Euro

Fenster (Rest) 46 000 Euro

‐  Altenwohnheim Jügesheim

Fassade (Rest) 80 500 Euro

Heizung 46 000 Euro

‐  Kita Rollwald

Heizung 23 000 Euro

Fenster (Rest) 34 500 Euro

Fassade 46 000 Euro

Dach (Rest) 11 500 Euro

‐  Sporthalle Jügesheim

Fassade 172 500 Euro

‐  Kita Schillerstraße

Fassade 80 500 Euro

‐  Kita Nordring

Fassade 69 000 Euro

‐  Lärmschutz Weißdornweg

Wand erneuern 50 000 Euro

Die Angaben stammen aus einer Liste zum Konjunkturpaket II, die das Stadtparlament am 30. März 2009 einstimmig beschlossen hat. Das Stichwort „Fassade“ steht für Wärmedämmung.

Quelle: op-online.de

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