Alte Bauwerke für Neugierige

Geschichte gespürt: Denkmal-Tag in Rodgau 

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Die Fenster des Wasserturms sind zwar klein, der Ausblick aus fast 30 Metern Höhe ist dagegen großartig.

Rodgau - Zahlreiche historische Gebäude hatten beim „Tag des Denkmals“ ihre Türen geöffnet. Interessante Einblicke gab es überall, den schönsten Ausblick hatten die Besucher vom Wasserturm. Von Sven Stripling 

Geht man mit einem aufmerksamen Blick durch viele Straßen in Rodgau, so wandert man gleichzeitig auch Geschichtspfade entlang. Fachwerkhäuser, Bahnhöfe und der Jügesheimer Wasserturm erzählen von einer Zeit, als es „Rodgau“ noch nicht gab, also die einzelnen Stadtteile noch für sich standen, und noch keiner an die S-Bahn nach Offenbach und Frankfurt dachte.

Diese Balken wurden Ende des 16. Jahrhunderts in der früheren Jügesheimer Ölmühle verbaut.

Vieles an Geschichte sieht man selbst gut erhaltenen kulturträchtigen Gebäuden heute nicht mehr an. Natürlich mussten die meisten Fachwerkhäuser saniert und stabilisiert werden, doch auch das Gewerbe, das in vielen Häusern betrieben wurde, ist heute ein anderes als früher. In der Hintergasse 34, wo heute die „Parres Hair Company“ auf drei Etagen Haare schneidet und stylt, befand sich beispielsweise früher eine Mühle, in der Raps, Mohn, Nüsse und Bucheckern zu Öl verarbeitet wurden. Seit 400 Jahren arbeiteten dort Handwerker. Doch festgestellt wurde diese Tradition erst 1996, als das Erdgeschoss verputzt und im Obergeschoss das Fachwerk saniert wurde und man einige Fachwerkbalken fand, die aus dem Jahr 1591 stammen. Seither steht das Gebäude unter Denkmalschutz. Für sein Team sei es immer wieder schön, wenn Kunden sich im Obergeschoss an der alten Bauart erfreuen und diese vielleicht bei einem Haarschnitt zur Sprache bringen, sagt Francisco Parres.

Teil der Jügesheimer Infrastruktur

Ein wichtiger Teil der Jügesheimer Infrastruktur war vier Jahrzehnte lang der Wasserturm. Seit seiner Erbauung zwischen 1936 und 1938 sorgten ein Wasserbehälter mit 400 Kubikmetern Volumen und eine Löschreserve von 100 Kubikmetern für die Feuerwehr dafür, dass auch in Zeiten hohen Wasserverbrauchs oder bei Ausfall der Pumpen genug Wasser aus den Hähnen sprudelt. Nachdem der Backsteinturm für die Wasserversorgung überflüssig wurde, sollte er abgerissen werden. „Aus der Empörung vieler, für die er auch ein Stück Heimat verkörperte, erwuchs unter anderem der Verein ,Freunde des Wasserturms’ und schließlich wurde der Turm dann unter Denkmalschutz gestellt“, erklärte Walter Koser, Schriftführer des Vereins, den zahlreichen Besuchern beim Tag des offenen Denkmals.

Reinhold Happel erläuterte den Besuchern der St. Matthias-Kirche die neugotische Architektur.

Als Ergänzung dazu findet alle zwei Jahre noch ein „kleines“ Wasserturmfest statt, nämlich immer in dem Jahr, in dem das „große“ Wasserturmfest im Mittsommer nicht veranstaltet wird. So war in diesem Jahr für ausreichend Speis und Trank für jene gesorgt, die alle 170 Stufen rauf und wieder runter gegangen waren, um oben die Aussicht zu genießen oder durch Walter Kosers Fernrohre einen Blick nach Frankfurt oder in den Garten der Großeltern zu werfen. Einige Kinder hatten durch die Fernrohre auch ihre Schule mal von ganz oben sehen können und wieder unten angekommen, konnten sie sich in aufgestellten Hüpfburg zu Füßen des Wasserturms austoben.

Baudenkmäler in Rodgau

Baudenkmäler in Rodgau

Neben dem geselligen Treiben der Kerb in Nieder-Roden warfen schließlich auch einige Neugierige einen Blick auf oder in die St.-Matthias-Kirche. Die Innenarchitektur ist in neugotischem Stil gehalten und die neugotischen Fenster sind seit 1896 alle noch original erhalten. Selbst nach den Weltkriegen musste kaum etwas an den Fenstern aufbereitet werden. Ein Blick nach draußen ist also gleichbedeutend mit einem Blick durch die Geschichte und die Größe, die der Architektur der Neugotik innewohnt, spiegelt fast etwas Majestätisches wider, was natürlich mit den Bildern der Heiligen in den Fenstern unmittelbar korrespondiert.

In allen Stadtteilen gab es am Sonntag mehrere Stücke einer großen „Rodgauer“ Geschichte zu besehen. Doch der Tag des offenen Denkmals muss natürlich nicht der einzige Tag im Jahr sein, an dem man sich mal etwas ausgiebiger Zeit nimmt, sich mit der Geschichte seiner Heimat auseinander zu setzen.

Quelle: op-online.de

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