„Uns Älteren läuft die Zeit weg“

Der frühere Rodgauer Bürgermeister Paul Scherer wird 85 Jahre alt

Paul Scherer in seinem Wohnzimmer.
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Ein ordentlicher Urlaub wäre schön: Sonst ist Paul Scherer ganz zufrieden.

Einen zufriedenen Eindruck macht Paul Scherer. Da sitzt einer, der viel geleistet hat, auf das er stolz sein könnte. Doch Stolz ist seine Sache nicht. Genau das macht den früheren Rodgauer Bürgermeister (von 1980 bis 1998) so sympathisch.

Weiskirchen – Am kommenden Montag, 19. Oktober, wird Scherer 85 Jahre alt. Vermutlich ist er gar nicht daheim an seinem Ehrentag. Denn mit Gattin Inge ist ein verlängertes Wochenende auswärts geplant. Der 85. sei für ihn eh kein Grund, um groß zu feiern – selbst, wenn das ginge. „Es geht mir gut“, erzählt der rüstige Senior. Eine Knie-Operation habe er gut überstanden. Was seiner Frau und ihm aber wirklich fehle, sei ein richtiger Urlaub. „Gerade uns älteren Menschen läuft so ein bisschen die Zeit davon“, beschreibt er die coronabedingten Auswirkungen. Ein paar Kreuzfahren haben die Scherers unternommen, aber meistens hat es das Paar in die Berge gezogen: Schnell werden der wilde Kaiser und der Watzmann genannt. „Auch an die schönen Urlaube mit dem Fahrrad fast an allen deutschen Flüssen und die vielen tollen Begegnungen mit anderen Menschen erinnern wir uns gern“, erzählt der ehemalige Bürgermeister.

Die zahlreichen Einladungen der Vereine hätten seine Frau und er immer gerne angenommen, doch nun sei eben alles lahmgelegt. „Wir gehen spazieren und ich lese die Zeitungen viel intensiver“, berichtet Scherer. Vor allem geschichtlich sei er interessiert, altägyptische Literatur habe es ihm angetan.

Er liest freilich auch andere Werke. So etwa die Memoiren seines Parteifreundes Walter Wallmann: „Das einzige Buch, in dem ich erwähnt bin“, sagt er. Ab und zu aber gestattet sich der gelernte Kaufmann auch ein Spielchen am Computer. Und auch zwei Handys besitze er, ein altes und ein neues.

Wie es ist, sein ganzes Leben in Weiskirchen verbracht zu haben? „Ich bin zuhause hier“, sagt der frühere Vollblutpolitiker, der erst mit 80 Jahren ein bisschen kürzer trat. „Die Stadt Rodgau ist mein Zuhause, ich kenne alle, alle Vereine laden uns ein.“ Er habe wohl nicht alles falsch gemacht, witzelt der Brillenträger.

Über seine politische Laufbahn und 50 Jahre im Kreistag sagt der mit vielen Auszeichnungen gewürdigte Kommunalpolitiker: „Es war eine schöne Zeit.“ Wichtig war ihm dabei auch immer, parteiübergreifend zu vielen Kollegen ein vernünftiges Verhältnis zu haben. „Das war für mich kein Problem.“

Für viele ehemalige Politiker sehe er die Gefahr, nicht loslassen zu können. Deswegen ist Paul Scherer konsequent: Als Zuhörer trifft man ihn immer wieder. Doch seine Kollegen kritisieren? „Auf keinen Fall.“ Was denkt der Ehrenbürger über die gewaltigen Veränderungen in seiner Heimatstadt in den vergangenen Jahrzehnten? „Manches ist sehr schön, über manches muss man aber auch die Nase rümpfen.“ Präziser wird der ehemalige Rathaus-Chef nicht. Er will kein Besserwisser sein. Der 84-Jährige hält sich eben an den Grundsatz eines fairen Spielers: Wer raus ist, der ist raus. Hat er einen großen Wunsch zum Geburtstag? Na klar. Er möchte gesund bleiben. Und das noch möglichst lange, vor allem zusammen mit seiner Frau. (Von Simone Weil)

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