„Die Träume enden an der Mauer“

Rodgau - Evangelische Emmausgemeinde unterstützt Unesco-Friedensschule nahe Bethlehem

Jügesheim (bp) Die Emmausgemeinde unterhält gute Kontakte zur evangelisch-lutherischen Schule „Talita Kumi“ nahe Bethlehem. Pastor Goetze hatte Gelegenheit, mit deren Leiter über den Konflikt im Gazastreifen zu sprechen. Hier Auszüge aus dem Interview mit Maurice Younan, palästinensischer Christ aus Bethlehem und Verwaltungsleiter der evangelisch-lutherischen Schule „Talita Kumi“.

Was spüren Sie vom aktuellen Konflikt im Gazastreifen?

Vor allem Solidarität mit den eingesperrten, verzweifelten Menschen. Wir haben warme Kleider gesammelt, um sie nach Gaza zu schicken, und hoffen, dass sie durchkommen. Groß ist bei uns das Unverständnis über die internationale Duldung des Krieges und der Ärger über die immer wieder abgefeuerten Qasamraketen. Familien bei uns haben Verwandte in Gaza, können aber mit ihnen nicht mehr in Kontakt treten. Sie wissen nicht, ob sie noch leben. Bei uns selbst ist es ruhig.

Wie sieht Ihr Alltag als Christ im Heiligen Land aus?

Wir leben seit 1967 unter israelischer Besatzung. Für uns bedeutet das ständige Angst vor Soldaten. Wir erleben Landenteignungen und völkerrechtswidrigen Siedlungsbau. Wir können nicht zu unserem Land, unsere Olivenbäume werden einfach abgeholzt, unsere Brunnen werden zugeschüttet. Wir können uns nicht frei bewegen. Viele Christen aus Bethlehem waren in ihrem Leben noch nie in Jerusalem, obwohl die Stadt nur acht Kilometer entfernt ist. Sie erhalten keine Erlaubnis, nach Jerusalem zu fahren, nicht zum Einkaufen und noch nicht einmal zum Beten in der Grabeskirche am Osterfest.

Israel baut seit Jahren eine Mauer an der Grenze. Was bedeutet das für Sie?

Zunächst einmal: Die Mauer, die Israel baut, liegt nicht auf der Grenze von 1967, sondern wird oft weit in die Westbank, also das Land, das mal der Staat Palästina werden soll, hineingebaut. Sie bauen die Mauer um unsere Städte wie Bethlehem oder Ramallah. Sie bauen sie so, dass wir nicht mehr an die Quellen und das Grundwasser für unsere Landwirtschaft herankommen. So eingesperrt, wie wir leben müssen, liegt die Arbeitslosigkeit bei 80 Prozent. Der Mauerbau verhindert normale Begegnungen und den Dialog der Menschen. Israelis dürfen nicht nach Bethlehem, wir dürfen nicht nach Israel. So festigen sich Vorurteile und Feindbilder.

Was können Sie in der Schule gegen Feindbilder tun?

„Talita Kumi“ ist Unesco-Friedensschule. Zum Einen hatten wir von 1993 bis 2000 Schulbegegnungsprogramme mit zwei israelischen Schulen in Tel Aviv und Haifa. Leider hat der Mauerbau weitere Begegnungen verhindert. Heute gibt es nur einzelne Kontakte durch E-Mal. Zum Anderen versuchen wir, unsere Schüler zu Toleranz und gewaltfreien Lösungen von Konflikten anzuleiten. Wir wollen als christliche Schule zeigen, dass jeder Mensch gleich vor Gott ist, unabhängig seiner Religion und seines Geschlechts.

Sie leiten eine christliche Privatschule. Haben Sie denn auch muslimische Kinder?

Ja, zurzeit sind 30 Prozent der Kinder Muslime. Sie haben selbstverständlich ihren eigenen Religionsunterricht wie auch die christlichen Schüler. Wir haben eine gemeinsame Morgenandacht, an der auch die muslimischen Schüler teilnehmen.

Gibt es Gewalt an der Schule?

Ich bin erstaunt, wie wenig Gewalt es gibt angesichts der massiven Unterdrückung durch den Staat Israel. Die Kinder sind alle traumatisiert, eingemauert zu leben in einer Art Freiluftgefängnis belastet sehr. Da gibt es viel aufzuarbeiten. Wir tun das mit vielen Projekten.

Was haben die Schüler für Träume?

Die Träume enden an der Mauer. Wir haben in unseren Kunstprojekten ein Kind gefragt, was es mal werden will. Es sagte: „Pilot. Da gibt es keine Sperren.“

INTERVIEW

FAKTEN

 „Talita Kumi“ ist eine von fünf Schulen in der Trägerschaft der evangelischen Kirche in Jordanien und dem Heiligen Land.

 830 Schülerinnen und Schüler vom Kindergarten bis zum Abitur besuchen die Schule. 70 % von ihnen sind Christen aller Konfessionen, 30 % sind Muslime.

 Die Schule wurde 1851 von Kaiserswerther Diakonissen in Jerusalem als Mädcheninternat gegründet. Der aramäische Name „Talita Kumi“ war damals Programm: „Märchen, steh auf“ - Bildung und Zukunft für Mädchen im Orient.

 Pastor Andreas Goetze in Jügesheim ist Vertrauenspfarrer des Jerusalemsvereins, der die Schulen von Deutschland aus unterstützt.

Quelle: op-online.de

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