Einsteigehilfe kann missbraucht werden

Tod eines Schülers zeigt: Griffstangen als Sicherheitsrisiko

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Lebensgefährlich und strafbar: An solchen Griffstangen hielten sich die drei jungen S-Bahn-Surfer am 16. Juni fest. Einer von ihnen kam dabei ums Leben.

Rodgau - Wäre der Unfalltod eines 14-jährigen Schülers an der S-Bahn-Station Nieder- Roden vermeidbar gewesen? Das fragt sich ein Lokführer aus Jügesheim. Von Ekkehard Wolf 

Der Junge hatte sich verbotenerweise an einer Griffstange am Führerstand festgehalten, die dem Fahrer das Einsteigen erleichtern soll. Diese Stangen gibt es aber nur an den neuesten Zügen. Der 14-Jährige kam am 16. Juni laut Bundespolizei beim sogenannten S-Bahn-Surfen ums Leben. Er hatte sich an der abfahrenden S-Bahn festgehalten und war beim Abspringen abgerutscht. Er rutschte zwischen zwei Zugteile und wurde überrollt. Zwei Freunde, die sich an der lebensgefährlichen Mutprobe beteiligten, blieben unverletzt.

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An einem weniger modernen Triebzug ohne Griffstangen hätten sich die Jugendlichen nicht festhalten können, sagt Lokomotivführer Thilo Böhmer aus Jügesheim. Er will die Tat des Trios nicht verharmlosen: „Die Jungs haben Mist gebaut.“
Tatsache ist: Griffstangen an den Führerständen gibt es erst wieder seit fünf Jahren. Sie gehören zur Ausstattung der Baureihe ET 430, die auf der Rodgaustrecke eingesetzt wird. Fahrzeuge der vorherigen Baureihen 423 und 426, wie sie etwa nach Dietzenbach fahren, haben diese Stangen nicht.

„In den letzten Jahren gab es kaum noch S-Bahn-Surfer“, sagt Thilo Böhmer. Das Festhalten an fahrenden S-Bahnen sei in den 90er Jahren öfter vorgekommen. Böhmer arbeitet bei einem privaten Eisenbahnunternehmen, früher war er bei der Deutschen Bahn (DB). Mit seiner Kritik am DB-Konzern und an Großprojekten wie „Stuttgart 21“ wurde er bundesweit bekannt. Die Sicherheit des Personals und der Fahrgäste ist ihm ein besonderes Anliegen.

Bedenken wegen der Griffstangen an den Führerständen der ET 430 äußerte Böhmer nach eigenen Angaben bereits 2012 auf der Fachmesse „Innotrans“ in Berlin, als das Fahrzeug vorgestellt wurde. Die Antwort: Nur an den Fahrgasttüren seien Festhaltemöglichkeiten und Tritte ausgeschlossen gewesen.

„Zugelassen wurde die Baureihe 430 des Herstellers Bombardier im Jahr 2012. Sie entsprach den gültigen Sicherheitsvorschriften“, teilt das Eisenbahn-Bundesamt auf Anfrage mit. Grundsätzlich liege es in der Verantwortung der Eisenbahn-Betreiber, gefährliche Ereignisse zu untersuchen und – wenn nötig – korrigierend oder vorbeugend einzugreifen.

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Griffstangen an den S-Bahn-Zügen wurden 2012 offenbar weder vom Bundesamt noch von der Deutschen Bahn als Risiko angesehen. Unsere Frage „Gab es damals Sicherheitsbedenken wegen sogenannter S-Bahn-Surfer?“ ließ die Bahn seit 20. Juni unbeantwortet.

Die DB-Pressestelle in Frankfurt erklärte jedoch gestern, warum die Elektrotriebzüge mit den Griffstangen ausgestattet wurden: „Um unseren Triebfahrzeugführern den Fahrzeugeinstieg zu erleichtern, wurden bei der Baureihe ET 430 die Haltegriffe (Haltestangen) an der Außenseite der Züge in einer Vertiefung so angebracht, dass diese nicht über die Außenhaut des Fahrzeuges hinausragen. Durch diese aerodynamische Maßnahme lassen sich Wind- und Fahrgeräusche – wie sie bei den Zügen der ersten Baureihe ET 420 auftraten – minimieren.“

Laut Bundespolizei hatte der Triebfahrzeugführer am 16. Juni keine Chance, zu erkennen, dass sich jemand beim Anfahren am Ende des ersten Zugteils festklammerte. Das passt zu dem Betriebsablauf, wie ihn die Bahn-Pressestelle beschreibt: „Vor Abfahrt des Zuges vergewissern sich die Triebfahrzeugführer, ob sich eventuell mobilitätseingeschränkte Reisende am Bahnsteig befinden, die Unterstützung benötigen. Zur Abfahrtszeit wird dem Triebfahrzeugführer das vollständige Schließen und ordnungsgemäße Verriegeln aller Türen im Führerstand angezeigt. Von diesem Zeitpunkt an beobachtet der Triebfahrzeugführer die Vorgänge am Bahnsteig nicht mehr, auch nicht während der Anfahrt.“

Die DB-Pressestelle betont, dass mit dem S-Bahn-Surfen nicht zu spaßen sei: Es handele sich um „einen verbotenen, gefährlichen Eingriff in den Eisenbahnverkehr, welcher strafbewertet ist“. Wie häufig solche Fälle vorkommen, vermochte die Bahn nicht zu sagen.

Im Dezember 2013 war ein 15-Jähriger zwischen Dietzenbach und Heusenstamm beim S-Bahn-Surfen vom fahrenden Zug gestürzt und hatte sich tödlich verletzt. Im Jahr davor hatten sechs Jugendliche – ebenfalls in Dietzenbach– während der Fahrt eine Tür per Notentriegelung geöffnet und sich an Dachkante und Tür festgehalten.

Quelle: op-online.de

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