Marke Eigenbau

Enkel-Beiwagen fürs Fahrrad konstruiert

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Der Zeitungsausschnitt stammt vom 15. August 1985, ist also auf den Tag 34 Jahre alt.

Michael Jung ist schon lange ein Gespann-Fan. „Das macht süchtig“ sagt er. Er leitet die Motorrad-Gruppe der Kolpingsfamilie Jügesheim.

Dudenhofen – Schon mehrere Mal hat Michael Jung die Motorrad-Wallfahrt nach Vierzehnheiligen organisiert, bei der er mit seiner BMW K1 unterwegs war – mit Gattin Petra im Beiwagen.

Weil er das Fahren mit dem Gespann so liebt, verfiel Jung auf die Idee, auch fürs Fahrrad etwas Ähnliches zu konstruieren. Mit dieser Erfindung hat er bereits Tochter Anika schlafend durch die Gegend gefahren – komfortabel mit Sonnenschirmchen und angeleintem Schnuller.

Als Beweis gilt der Ausschnitt aus der Offenbach-Post – auf den Tag genau vor 34 Jahren. Damals wurde der aus dem Hunsrück stammende Radler an der Eisenbahnstraße in Jügesheim fotografiert. „Die Konstruktion hat den Vorteil, dass man größere Familienausflüge mit den Kindern unternehmen kann und sie dabei sogar noch Schlaf bekommen“, erzählt Jung. Außerdem habe er Blickkontakt zum Kind und eine Hand frei, um nach dem Schnuller zu greifen, falls der aus dem Mund gefallen sei. „Wir haben das Gefährt für Ausflüge wirklich ausgiebig genutzt“, erzählt er.

Heute sind es die Enkel, die der frisch gebackene Rentner im zweiten selbst gebauten Gefährt mitnimmt: den dreijährigen Mika und den sechsjährigen Fabian, der gerade an der Gartenstadtschule in Nieder-Roden eingeschult wurde. Übrigens tragen Opa und Enkel im Straßenverkehr Schutzhelme, lediglich fürs Foto wurde auf die Sicherheits-Kopfbedeckungen verzichtet.

Klar, dass neugierige Blicke auf sich zieht, wer mit solch einem Gespann unterwegs ist. Wie Michael Jung inzwischen weiß, muss man mit der Eigenkonstruktion anders radeln, als mit einem herkömmlichen Drahtesel. „Ich rate davon ab, unvorbereitet zu fahren.“ Vor allem die Asymmetrie sei nicht zu unterschätzen. „Man sollte deutlich langsamer fahren und die Kurven anders angehen“, rät der 63-Jährige. Dennoch habe er sich sogar einmal richtig überschlagen, gesteht der Großvater. Viel sei aber nicht passiert. Der Enkel habe den Unfall verschlafen und sogar noch die Brezel in der Hand gehalten, beruhigt er gleich wieder.

Bevor es mit der Rikscha-Variante in den Straßenverkehr ging, hat der ehemalige Versuchsingenieur des Opel-Fahrcenters das ungewöhnliche Mobil auf Herz und Nieren getestet: Er stellte einen schweren Farbeimer in den Kindersitz und radelte damit auf einer extrem holprigen Wegstrecke lang. Der Eigenbau hielt. Der Eimer allerdings war nicht dicht und der umfunktionierte Sitz aus dem Buggy hat ziemlich viel Farbe abgekriegt. Gattin Petra war hellauf begeistert: „Das ging beim Waschen nicht mehr raus“, erinnert sie sich.

Von dem anspruchsvollen Sicherheits-Test mal abgesehen, habe er für die Konstruktion der Rikscha Marke Eigenbau keinen großen Aufwand betrieben, erinnert sich der Ingenieur: Eigentlich habe er nur eine ganze Menge Schrott wieder flott gemacht. Ein paar alte Rahmen vom Sperrmüll, ein Kindersitz, eine Zeltstange und ein paar Auspuffschellen – und fertig war das Dreirad. „Allerdings ist es früher einfacher gewesen, die Teile zusammenzubauen, weil alle Rahmen noch den gleichen Durchmesser hatten und man die schön teleskopartig ineinanderschieben konnte“, erzählt der Bastler.

VON SIMONE WEIL

Quelle: op-online.de

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