Erfrischend und belebend

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Mit bunten Luftballons überraschten die 317 Kinder der Gartenstadtschule gestern ihre Schulleiterin zum Abschied. „Haben wir auch die Genehmigung dafür?“, raunte Gudrun Behring ihrer Stellvertreterin Petra Leyser zu. Na klar: Nach dem Lied „Ich schenk‘ dir einen Regenbogen“ stiegen alle Luftballons gemeinsam in den Himmel. Und für die Kinder gab es süße Schokoküsse.

Rodgau - (eh) Die Zeit der 70-Stunden-Wochen ist fürGudrun Behring vorbei. Ende Juli gibt die Rektorin der Gartenstadtschule ihre Schlüssel ab. Im Januar 1998 hatte sie als kommissarische Schulleiterin angefangen.

Zuvor war sie seit 1994 Konrektorin der Freiherr-vom-Stein-Schule gewesen. Bei der Weiterentwicklung beider Grundschulen stand Gudrun Behring mit an der Spitze der Bewegung.

Wie kommen Sie künftig ohne Ihre Schulkinder aus?

Mit Kindern zu arbeiten habe ich immer als sehr erfrischend und belebend empfunden, auch wenn manche von ihnen manchmal doch recht anstrengend waren. Von daher wird mir sicher etwas fehlen, die Unruhe, die Lebendigkeit. Aber ich freue mich auch auf den neuen Lebensabschnitt, in dem ich hoffentlich viele Dinge machen kann, zu denen ich bisher nicht so gekommen bin.

Warum sind Sie eigentlich Lehrerin geworden?

Mit Kindern zu arbeiten, hat mir schon immer Spaß gemacht. Bereits während meiner Schulzeit leitete ich eine Gruppe im Kindergottesdienst und hatte dann als Leiterin einer Pfadfindergruppe auch Ausflüge, Freizeiten und Fahrten zu organisieren.

Haben sich Ihre Erwartungen erfüllt?

Es hat mir immer sehr viel Freude bereitet, Kinder zu unterrichten, zu sehen, was sie schon alles können und wie sie dazulernen. Nicht erfüllt haben sich meine Hoffnungen was das Schulsystem anbelangte. 1968, als ich das Studium aufnahm, hatten wir viele Ideale und erwarteten Veränderungen zum Beispiel in Richtung längere gemeinsame Schulzeit oder einer Schule ohne Noten, was in der Grundschule eine Zeitlang auch möglich war.

Was hat sich seither an den Grundschulen verändert?

Verändert hat sich die Art, wie mit Kindern gearbeitet wird. Individuelle Förderung wird heute groß geschrieben. Natürlich gibt es noch eine Reihe anderer Veränderungen wie Englischunterricht, Vorlaufkurse und Fördermaßnahmen in Deutsch als Zweitsprache, Bewegungszeiten, gemeinsames Frühstück, Nachmittagsangebote oder einen Mittagstisch.

Welche Erfahrung bleibt Ihnen besonders im Gedächtnis?

Das ist die Erfahrung mit einem schwer verhaltensauffälligen Kind, das mitten im 1. Schuljahr zu uns kam. Seine Familiengeschichte war sehr dramatisch und ich bewunderte es, dass es praktisch „nebenbei“ noch so viel lernte. Das war im Übrigen auch die „Geburtsstunde“ für unser INSEL-Projekt, in dem Kinder heute lernen können, auf angemessene Art und Weise mit anderen Kindern in Kontakt zu treten oder an Selbstbewusstsein gewinnen.

Würden Sie heute noch einmal in den Schuldienst gehen wollen?

Uneingeschränkt: Ja. Über andere Berufe habe ich schon oft mal nachgedacht, komme aber immer wieder auf den Lehrerberuf zurück.

Welche Veränderungen im Schulsystem wünschen Sie sich für die Zukunft?

Ich habe immer noch die alten Ideale, die andere Länder schon längst erfolgreich umgesetzt haben: für alle Kinder eine längere gemeinsame Schulzeit von vielleicht acht Jahren und kein frühes Selektieren, wünschenswert ist weiter, dass auch Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf die Regelschule besuchen. Wünschen würde ich mir auch mehr Lehrkräfte, so dass in allen Klassen ein Team-Teaching möglich ist. Natürlich wünsche ich mir auch eine richtige Ganztagesschule, die vielleicht um 9 Uhr beginnt, um 16.30 Uhr endet und kostenfrei ist. Besonders wichtig ist, dass Bildung an erster Stelle bei den Politikern stehen muss. Die Investition in Bildung muss oberste Priorität haben.

Was wünschen Sie Ihrer Nachfolgerin?

Ich wünsche ihr Mut, Dinge anzupacken und zu verfolgen, die die Gartenstadtschule, das Unterrichten und damit die Kinder weiterbringen. Sie braucht dazu Kraft und Ausdauer für die Überzeugungsarbeit in den Gremien und bei den Ämtern. Und ich wünsche ihr viel Liebe zu den Kindern, denn das ist der Nährboden, aus dem Kraft und Energie kommen.

Quelle: op-online.de

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