Erinnerungen an die Feintäschner

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Auf feinem, rotem Leder präsentiert der Heimatverein am Sonntag Bügel für Taschen, Koffer und Etuis. Berthold Werner und Josef Herbert Spahn zeigen hier besondere Exemplare.

Jügesheim - (eh) An die große Zeit der Lederwarenfertigung erinnert das Heimatmuseum Jügesheim am Sonntag, 3. Mai, von 14 bis 18 Uhr. Der Heimatverein zeigt mehr als 100 verschiedene Bügel und Griffe für Koffer, Taschen und Brillenetuis.

Die Bandbreite reicht vom echt vergoldeten Handtaschenbügel für die feine Dame bis zur robusten Klappmechanik für den Hebammenkoffer.

Eine unglaubliche Vielfalt an Metallwaren, die so manches Endprodukt der örtlichen Portefeller und Babbscher erst zu dem begehrten oder praktischen Schmuckstück machten. Die Bügel werden stilecht auf Lederhäuten präsentiert. Auch die lebendige Handwerkskunst darf nicht fehlen: Feintäschner Helmut Winter bringt sein Werkzeug mit und wird am Sonntag wie in alten Zeiten echte Giesemer Lederwaren anfertigen.

Die Bügel stammen aus der Werkstatt von Walter Kummerant an der Dudenhöfer Straße, der die Lederwarenfabrikation in der zweiten Generation betrieb. Sein Vater hatte 1931 damit begonnen. Die Sammlung lässt ahnen, welche Vielfalt an Taschen die Firma Kummerant & Co. produzierte. Jedes einzelne Modell ist mit Bleistift in einem Musterbuch aus den 30er Jahren aufgezeichnet, das am Sonntag ebenfalls im Museum zu sehen ist. Zwei Mal im Jahr kam eine neue Kollektion auf den Markt. Damals wie heute gehören zum Design der Taschen auch Bügel und Verschlüsse.

Ein Lederwarenkatalog von einst.

Frühere Gürtler, Schleifer und Galvaniseure erinnern sich noch daran, wie diese Teile aus Nickel, Messung und Kupfer, aber auch das Kunststoffen wie Bakelit (braun, schwarz) und Galalith (elfenbeinfarben) mit handwerklichem Geschick hergestellt wurden. Auf kleinen Pappschildern, die an den Taschenbügeln befestigt sind, stehen Jügesheimer Namen wie Philipp Koser oder Metallwarenfabrik Sahm. Manchmal steht sogar noch der Einkaufspreis dabei. So mussten Kummerant & Co. im Jahr 1992 für einen bestimmten Bügel 63,50 Deutsche Mark berappen. Dass die fertige Handtasche dann kein Billigmodell war, versteht sich von selbst. Nicht nur in den Rodgau-Gemeinden von Nieder-Roden bis Weiskirchen, sondern auch in Steinheim und Offenbach arbeiteten Metallbetriebe als Zulieferer der Lederwarenbranche. Besonders aufwändige Bügel mit Edelsteinen oder feinsten Ziselierungen bezogen die Taschenmacher aus der Schmuckstadt Pforzheim.

Viele der berühmten „Offenbacher Lederwaren“ kamen noch vor wenigen Jahrzehnten aus dem Rodgau - entweder aus den Fabriken oder von „Babbschern“ in Heimarbeit zusammengenäht und -geklebt. Die Lederwarenindustrie hatte einen hohen Stellenwert. Noch 1969 stellten 29 Betriebe aus dem Rodgau bei der internationalen Offenbacher Lederwarenmesse aus. 20 dieser Firmen kamen aus Jügesheim. Nachlesen kann man das im Museum in einem Zeitungsband der „Rodgau-Post“.

Quelle: op-online.de

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