Seit März fehlt ein Fahrkartenautomat

Fahrschein nur auf Umwegen

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Die Luftlinie quer über die Gleise wirkt kurz, doch tatsächlich sind die Automaten-Standorte an der S-Bahn-Station Jügesheim weit voneinander entfernt. Für Fahrgäste aus Jügesheim-West bedeutet das einen Umweg von insgesamt 200 Meter und 126 Treppenstufen. Für Rollstuhlfahrer summieren sich die Umwege über die Rampen hin und zurück auf bis zu 600 Meter - und alles nur, weil ein Fahrkartenautomat fehlt.

Jügesheim - Fünf Monate nach der Zerstörung eines Fahrkartenautomaten an der S-Bahn-Station Jügesheimist immer noch kein Ersatz in Sicht. Fahrgäste, die in Richtung Ober-Roden fahren wollen, müssen weiterhin den Umweg zum Automaten auf dem anderen Bahnsteig in Kauf nehmen.

Der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) kennt kein Pardon: „Wenn noch ein Automat vorhanden ist, müssen die Fahrgäste so rechtzeitig da sein, dass sie diesen Automaten nutzen können“, sagt Petra Eckweiler, Pressesprecherin des RMV.

Doch was ist, wenn man nur gelegentlich S-Bahn fährt und von dem fehlenden Fahrscheinautomaten nichts ahnen kann? Einzelne Last-Minute-Kunden haben sich in jüngster Zeit damit beholfen, dass sie mit der Kamera ihres Mobiltelefons den leeren Betonsockel fotografierten, auf dem einst der andere Automat stand.

Doch es gibt keine Garantie, dass man mit diesem Argument durchkommt. „Die Kontrolleure können nicht beurteilen, ob man ihnen die Wahrheit erzählt“, so die RMV-Sprecherin. Im Zweifelsfall reagierten sie deshalb eher streng als nachsichtig.

Der RMV sieht die Verantwortung auch dann beim Kunden, wenn ein Ticket-Automat mal kein Wechselgeld herausgibt. In diesem Fall muss der Fahrgast das passende Kleingeld dabei haben. So steht es in den Beförderungsbedingungen. Manche Automaten sind nicht einmal für 20-Cent-Münzen eingerichtet. Andere akzeptieren sogar Scheckkarten - solange der Kartenleser funktioniert.

Hier stand mal der gesprengte Fahrkartenautomat.

„Eigentümer der Automaten ist die Deutsche Bahn“, betont Petra Eckweiler. Nicht nur im Rhein-Main-Gebiet gebe es Kriminelle, die solche Geräte sprengen, um das Geld zu stehlen: „Die Bahn hat damit ein bundesweites Problem.“ Da so ein Fahrkartenautomat einen fünfstelligen Betrag koste, sei es verständlich, dass die Bahn keine Reservegeräte in petto habe. Die Wiederbeschaffung dauere eben Zeit.

„Wir hoffen, dass wir unseren Fahrgästen den Umweg nicht allzu lange zumuten müssen“, sagt die RMV-Sprecherin. Mehr als hoffen kann sie nicht: Der Verkehrsverbund habe kein Druckmittel gegenüber der Bahn, um eine rasche Aufstellung der Automaten zu erreichen. In den Verträgen sei keine Frist vorgesehen, innerhalb derer die Bahn reagieren muss.

Wann wird denn nun ein endlich neuer Fahrkartenautomat am Jügesheimer Westbahnsteig der S-Bahn aufgestellt? Auf diese Frage vom Mittwoch erhielt unsere Zeitung bisher keine Antwort von der Pressestelle der Deutschen Bahn.

Aus seiner beruflichen Erfahrung beim S-Bahn-Prüfdienst zwischen 1997 und 2004 berichtete Thomas Kratz aus Dudenhofen im Juli in einem Leserbrief an unsere Zeitung, er sei in ähnlichen Fällen stets angewiesen worden, „kundenorientiert zu handeln, das heißt ohne Aufpreis Fahrscheine auszustellen“.

RMV-Pressesprecherin Petra Eckweiler widerspricht. In der S-Bahn würden grundsätzlich keine Fahrscheine verkauft: „Da würden wir dem Missbrauch Tür und Tor öffnen.“

eh

Quelle: op-online.de

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