Familie Jakoby aus Jügesheim in Kapstadt

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Rodgau-Jügesheim - In die Ferne hat es Familie Jakoby aus Jügesheim gezogen: Im Land der Fußball-WM Südafrika konnte sie die Entstehung der Spielstätte aus der Nähe beobachten - und hatte Zeit, einen Reisebericht zu schreiben.

Wir haben im Dezember hier in Kapstadt die Ziehung der Mannschaftsgruppen für die Fußball-WM mit erlebt: Die pittoresque Long Street, gesäumt von hübschen kapholländischen Holzbauten war gesperrt und mehrere Bühnen mit Livemusik säumten die Straße. Über diverse Leinwände konnte man das Spektakel, das sich im „Cape Town International Convention Center“ abspielte, mit erleben.

Auf der Straße wandelten riesige bunte Handfiguren, die Stimmung war auf dem Hochpunkt, die Menschen tanzten und sangen. Die Straße war allerdings so überfüllt, dass Christophe und ich es mit Cédric auf den Schultern nicht geschafft haben, zusammen zu bleiben. Man wurde unwillkürlich auf irgendwelche Seiten geschoben. So dass wir dann leider fliehen mussten. Es gab auch nur einen einzigen schmalen Ein- und Ausgang für diese Tausende von Menschen. So dass ich mich fragte, wie denn dann die Organisation für dieses immense Ereignis der WM funktionieren soll.

Südafrika liebt Fußball: So kicken die Kinder

Südafrika liebt Fußball: So kicken die Kinder in den Townships

Anfang März fand in Kapstadt ein zweitägiges Jazz-Festival statt - nun schon zum elften mal. Im Vorfeld fand am Green-Market-Square, ein alter traditioneller Platz, an dem zu Zeiten der holländischen Kolonialzeit Sklaven gehandelt wurden, ein Konzert mit bekannten südafrikanischen Künstlern auf einer Bühne statt. Die Renovierung dieses Platzes geht übrigens mit der Belebung der Innenstadt einher, die heute auch abends sehr belebt und etwas sicherer geworden ist. Das ist auch notwendig, denn es war geplant, während der WM eine Fanmeile von der Innenstadt zum Stadion einzurichten.

Dafür wurde gegenüber des Convention Centers CTICC eine Fußgängerbrücke über eine stark befahrene Straße gebaut, die den Weg zur Waterfront und dem Stadion erleichtert. Zudem steht nun ein Riesenrad an dem Platz, das aus Paris importiert wurde. Das sollte natürlich schon was hermachen! Während dieses Konzertes wurde mir klar: Die Kapstädter – egal welcher Hautfarbe oder Kultur – lieben ihre Stadt! Ich spürte solch eine Energie und solch einen Willen, ihre Stadt lebbar zu machen, und immer den Blick stolz auf die WM gerichtet, die Welt willkommen zu heißen! Strahlende Gesichter, jubelnde Menschen. Das kam rüber: Lasst es uns der Welt zeigen! Mich überkam Gänsehaut! Ich wünsche Südafrika, dass es das packt!

Die Stadien der WM in Südafrika:

Südafrika 2010: Die WM-Stadien

Die vergangenen zwölf Monate sahen so aus: überall Baustellen. Staus, Umleitungen und man kam nirgends pünktlich hin. Hier wurden Massen an SARand in die Infrastruktur und Security reingepumpt. und es ist geplant, 41.000 Sicherheitskräfte zu mobilisieren und während der Spiele wird kilometerweit abgesperrt. Auch die Autobahnstrecke zwischen Flughafen und Innenstadt wird besonders flankiert werden. Ich machte mir deshalb eher Gedanken um den öffentlichen Personennahverkehr, da in Kapstadt kein S- oder U-Bahn-Netz existiert.

Der öffentliche Nahverkehr wird während der Spiele über Großtaxiunternehmen sicher gestellt, die sich die Lizenzen erkaufen müssen und die Gäste von Knotenpunkt zu Knotenpunkt transportieren. Außerdem hat Kapstadt ein neues Bussystem aufgebaut mit neuen Gelenkbussen, das komfortabel und sicher sein soll. Entgegen meiner Bedenken funktioniert die Organisation der Spiele, der Transport dahin, die Fanmeile und so weiter sehr gut.

Aus erster Hand weiß ich, dass man nach einem Spiel innerhalb von wenigen Minuten das Stadion verlassen hat und auf der Fanmeile ist - und dass während der Spiele eine riesen Stimmung herrscht! Die Stadien sind nicht ausverkauft und trotzdem war es schwierig, Tickets zu bekommen. Über die FIFA-Seite gab es nur Absagen - nach mehreren Durchgängen. Die Menschen standen morgens ab 4 Uhr an Banken und Verkaufsstellen an und wurden irgendwann weggeschickt, weil es keine Tickets mehr gab.

Keine Tickets im Vorverkauf

Kapstadt wurde auf der FIFA-Seite irgendwann nicht mehr aufgeführt und galt als ausverkauft. Ein FIFA-Beauftragter für Südafrika teilte dann im Radio mit, dass in absehbarer Zeit wieder Tickets frei gegeben werden, er aber nicht wüsste, wann. Es ärgert mich, zu sehen, wie viele freie Plätze während der Spiele geblieben sind! Meiner Meinung nach hätten diese verkauft werden können und es riecht nach Geldmacherei, Fehlplanung, wenn nicht nach korrupten Machenschaften und unfairen Seilschaften - und die FIFA hat da ihre Finger drauf. Verlieren werden wieder die Kleinen.

Ein Höhepunkt war die Führung im neuen Stadion (Cape Town Stadium). Es bietet Platz für 68.000 Zuschauer und hat, schreibt die Times, 366 Millionen Euro verschlungen. Das doppelte vom ursprünglich geplanten Budget. Wenn wir schon nicht während der WM hier sein können, wollten wir es doch von innen kennen lernen. Cédric und ich hatten richtig Glück, die Tour war nicht ausverkauft und wir kamen – in einer langen Schlange stehend – noch mit.

Teure WM-Stadien

Ich bekam Gänsehaut, als ich dann drinnen auf die Ausmaße des Stadions, das Spielfeld, die Ränge blickte, und ich sagte mir, „da spielen sie dann und es wird richtig abgehen!“ Wir hatten Einblick in die VIP-Lounges und Umkleidekabinen und wir durften den Rasen anfassen – aber um Gottes Willen nicht betreten.

Cédric wedelte die ganze Zeit mit seiner südafrikanischen Fahne, die er von einem Fan geschenkt bekommen hatte. Das geplante Gesamtvolumen der Investitionen für die Weltmeisterschaft war 825 Millionen US-Dollar, die Hälfte sollte durch Ticketeinnahmen und Sponsoren beigesteuert werden. Die Kosten stiegen letztendlich weit höher.

Als wahre Kostenfalle haben sich für die südafrikanische Regierung jedoch die Stadien herausgestellt. 1,36 Milliarden Euro haben die Bau- und Modernisierungsarbeiten gekostet, ursprünglich war mit 730 Milllionen kalkuliert worden. Aufgrund der steigenden Weltmarkt-Preise für Stahl und Zement sowie der Schwäche der einheimischen Währung Rand in Folge der Finanzkrise musste das Budget deutlich aufgestockt werden.

Vermehrt gewaltsame Proteste

Insgesamt wurden fünf neue Stadien gebaut und fünf wurden renoviert. Einem internen Bericht der Stadt Johannesburg zufolge wurde das Endspiel-Stadion der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika um ein Drittel teurer, als angenommen. Bislang waren 229 Millionen Euro kalkuliert - für einen Umbau wohlgemerkt . Das Wirtschaftszentrum Johannesburg, das bereits unter hohem finanziellem Druck steht, hat vor allem wegen diesem Posten seinen Etat für das Finanzjahr 2009/2010 um rund 100 Millionen Euro gekürzt. Man müsse „neue Prioritäten“ setzen, sagte Stadtsprecher Nthatisi Modingoane, „ohne Kompromisse bei Leistungen der öffentlichen Hand einzugehen“. Wie das gelingen soll, ließ er offen.

Schon in den vergangenen Monaten gab es besonders in Johannesburger Townships vermehrt gewaltsame Proteste wegen unzureichender Regierungsleistungen, wie Stromversorgung und die Bereitstellung von öffentlich bezuschussten Billigwohnhäusern. Auch die Kritik des UN-Hochkommissariats richtete sich gegen die dramatische Erhöhung der Budgets für Sport und Freizeit bis zur WM, obwohl die südafrikanische Bewerbung um die WM-Austragung gerade die Konzentration auf die Verbesserung der Lebensbedingungen sozial benachteiligter Bevölkerungsschichten zugesagt hatte.

20.000 Menschen in Übergangscamps

Für die Fußball-WM wurden außerdem die internationalen Flughäfen Johannesburg und Kapstadt ausgebaut, in Durban wurde ein komplett neuer Flughafen errichtet, um dem erhöhten Fluggastaufkommen gerecht zu werden. Als alte „Stadtgeographin“ interessiert mich natürlich auch der Einfluss der WM auf die Stadtentwicklung in Kapstadt sehr. Mit der neoliberalen Praxis der Regierung in Kapstadt, die Sozialausgaben an das Wirtschaftswachstum zu knüpfen, sind die „Shackbewohner“ (Township) faktisch den Wirtschaftindikatoren ausgeliefert.

Im Vorfeld der WM ist es zu Vertreibungen von Menschen aus Armensiedlungen gekommen. Das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte berichtete unter anderem über 20.000 Menschen, die wegen der WM in Übergangscamps verfrachtet wurden. Zudem wurden staatliche Programme zum sozialen Wohnungsbau durch die Budgeterfordernisse im Vorfeld der WM beeinträchtigt. Das große Fragezeichen und heftig diskutierte Thema in Südafrika ist, welchen Nutzen das Land selbst aus der Fußball-WM ziehen kann.

Das große Geld, das sich von Kleinunternehmen, Händlern, Restaurants und Hotels in Kapstadt erhofft wurde, wird meiner Meinung nach nicht gemacht werden. Dafür gab es meiner Meinung nach zu viele Spielorte (10), so dass sich der Umsatz auf zu viele Orte verteilt. Die Stadien waren außerdem größtenteils nicht ausverkauft. Ich vermute, dass weit weniger Touristen ins Land kamen, als erwartet wurde. Auf der Habenseite stehen die internationale Medien-Präsenz - Südafrika ist der Welt näher gerückt!

Gesteigertes Selbstwertgefühl als Nation

Die Urteile der Medien fielen zwar im Vorfeld negativ aus, was die Sicherheit betrifft; dies hat sich während der WM aber nicht bewahrheitet. Zu den positiven Effekten gehören außerdem die für die WM getätigten Infrastrukturmaßnahmen, wie neue Straßen und Busse. Die WM hat aber vor allem den Menschen als Nation zu einem gesteigerten Selbstwertgefühl verholfen, da sie beweisen konnten, dass sie es schaffen, gemeinsam ein solch populäres und komplexes Ereignis gut über die „Bühne zu bringen“. Fraglich ist jedoch, ob der Großteil der meist ärmlichen Bevölkerung davon profitiert.

Experten bezweifeln eine positiven, nachhaltigen Effekt für die Menschen in Südafrika. Fraglich ist auch die Nachhaltigkeit und Rentabilität der Stadien nach der WM. Meiner Meinung nach sind einige von ihnen für die Zeit danach völlig überdimensioniert und in der Instandhaltung zu teuer. (Man schaue sich nur das Beispiel der EM in Portugal an, wo heute der Abriss von Stadien heiß diskutiert wird.) Die Stadien der Metropolen Kapstadt oder Johannesburg könnten zwar zusätzlich für andere Sportarten (Cricket und Rugby sind in SA groß), Konzerte oder sonstige Veranstaltungen genutzt werden.

Über das Cape Town Stadion weiß ich, dass es nach der WM von einer französischen Firma, die auch Stadien in Paris unterhält, geleast wird. So bekommt die Stadt dann monatlich eine Miete/ Leasingrate und ist auch noch am Profit beteiligt. Das soll die laufenden Kosten decken. Aber was ist mit den Stadien, die in der Peripherie liegen? Wer will da hin? Letztendlich: Südafrika muss mit den Schulden fertig werden, die FIFA mit ihrem Gewinn.

Quelle: op-online.de

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