Von Hochhausträumen und Hallenbad-Diskussionen

Ein fast vergessener Geburtstag: Rodgau ist 40 Jahre alt

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Die Gebietsreform bot über Monate hinweg viel Stoff für die Lokalredaktion der Rodgau-Post. Hier eine Auswahl an Schlagzeilen aus dem ersten Vierteljahr 1977.

Rodgau - Seit Neujahr ist Rodgau 40 Jahre alt. Die Böller und Raketen der Neujahrsnacht waren auch ein Geburtstagsfeuerwerk für die größte Stadt des Kreises Offenbach. Obwohl die Stadt keinen Festakt plant, lohnt sich ein Blick zurück. Von Ekkehard Wolf 

Fünf bis dahin selbstständige Gemeinden wurden am 1. Januar 1977 per Gesetz zur Großgemeinde Rodgau vereint. Rodgau war kein Einzelfall, sondern ein Teil einer umfassenden Gebietsreform. Die damalige Landesregierung (SPD / FDP) wollte leistungsfähigere Strukturen schaffen. Binnen fünf Jahren schmolz die Zahl der hessischen Gemeinden von 2642 auf 426 zusammen. Der Kreis Offenbach schrumpfte so von 32 auf 13 Städte und Gemeinden. 19 Orte von B (Buchschlag) bis Z (Zeppelinheim) verloren damals ihre Selbstständigkeit. Die 1960er und 1970er Jahre waren im Rodgau eine wilde Zeit. Planer und Politiker wollten hoch hinaus. Ein „Städteband im Grünen“ mit bis zu 140.000 Einwohnern sollte entstehen. Die „Chinesische Mauer“ in Nieder-Roden sollte nur ein Anfang sein. Die Hochhausträume der damaligen Zeit sind längst passé, aber sie wirken immer noch nach: Anfang 2016 warnte die CDU im Wahlkampf vor einer „Sozialsiedlung“ im künftigen Baugebiet Rodgau-West.

Die staatsbeauftragte Gemeindevertretung war 1977 für einige Monate das oberste Gremium Rodgaus. Bei der ersten Sitzung (Foto) war „von Einstimmigkeit keine Spur“, wie die Rodgau-Post berichtete.

Bereits fünf Jahre vor dem Zusammenschluss gründeten die fünf Rodgau-Gemeinden 1972 den Planungsverband Mittlerer Rodgau (PMR). Gemeinsam setzten sie Korrekturen durch: Reihenhäuser anstelle von Hochhausblocks. Bereits damals fiel die Entscheidung für Jügesheim als zentralen Ort. Der 1. Januar 1977 war ein ganz normaler Neujahrstag. Das Leben ging weiter und dennoch fühlte es sich ungewohnt an. Alle Einwohner von Weiskirchen bis Nieder-Roden waren fortan Bürger der Gemeinde Rodgau. Die Nieder-Röder wechselten sogar den Landkreis, was sich spätestens bei der Autozulassung bemerkbar machte – auf dem Kennzeichen stand nun OF statt DI. Die Begeisterung für das Neue ging so weit, dass ein Sportverein von den Erfolgen der Mannschaften aus „Rodgau 2“ berichtete.

Eine der schönsten Anekdoten aus der Anfangszeit stammt aus Weiskirchen. Die Gäste des Restaurants „Bären“ mussten fast eine Woche lang auf frische Muscheln verzichten, weil die Bundesbahn die Anschrift „6054 Rodgau 6“ nicht kannte. Das Expressgut kam erst an, als der Hamburger Fischhändler die Sendungen wieder nach „Weiskirchen“ schickte. Die Rodgau-Post kommentierte: „Die Moral von der Geschicht: Ändere so schnell deine Anschrift nicht!“

Ein Aufreger der 1970er Jahre: Der „Hindelstein“ war Anlass einer hessenweit beachteten Lokalposse um den Bau des Bürgerhauses Dudenhofen. Das Foto zeigt Bürgermeister Wilhelm Albert (links) und den letzten Bürgermeister Dudenhofens, Günther Hindel.

Ähnliche Probleme gab es in allen Stadtteilen: Etliche Straßen wurden umbenannt, um Dubletten zu vermeiden. Dabei änderten sich teilweise auch die Hausnummern. Ein Schildbürgerstreich passierte in Nieder-Roden: Durch ein Versehen bei der amtlichen Bekanntmachung hieß die ehemalige Dudenhofener Straße nicht „Hainburger Straße“, wie beschlossen, sondern „Hainburgstraße“. Einige Firmen mussten deshalb zweimal neues Briefpapier drucken lassen.

Ein Wahlkampf prägte die ersten drei Monate des Jahres 1977. Für die Übergangszeit bis zur Kommunalwahl lenkte eine staatsbeauftragte Gemeindevertretung die Geschicke der neuen Großgemeinde. Ihr Einfluss war begrenzt. „Das Übergangsparlament hat nicht viel zu sagen“, titelte die Rodgau-Post. Auch der Gemeindevorstand mit Bürgermeister Wilhelm Albert (SPD) konnte mehr verwalten als gestalten. Die Wahl im März 1977 bescherte der CDU eine Mehrheit, die rund drei Jahrzehnte lang anhalten sollte. Die Schlagzeile der Rodgau-Post: „Das war ein schwarzer Tag für die Roten.“ Ein Blick in den Zeitungsband zeigt, was die Öffentlichkeit vor 40 Jahren bewegte. Der Badesee war zugefroren, so dass man auf dem Eis spazieren gehen konnte. Während in Weiskirchen und Nieder-Roden noch die Nachwehen alter Hallenbad-Diskussionen zu hören waren, entstanden erste Ideen für ein Freizeitzentrum am Badesee. Parallel dazu wurden drei Großsporthallen geplant und das unter Altbürgermeister Günther Hindel begonnene Bürgerhaus Dudenhofen musste auch fertig werden.

Leserbilder: Die schönsten Plätze in Rodgau

Aufkleber mit dem Schriftzug „Rodgau – unsere Gemeinde“ verteilte die SPD vor der Kommunalwahl im März 1977.

Mit Argusaugen achteten die Ortspolitiker darauf, dass kein Stadtteil zu kurz kam. Und das nicht nur in der Anfangszeit: Die Stadtteilorientierung war den Parteien so wichtig, dass CDU und SPD ihre Kandidatenlisten für die Kommunalwahl noch in den 1990er Jahren streng nach Ortsproporz aufstellten. Auch jetzt besteht in den Stadtteilen gelegentlich das Gefühl, benachteiligt zu sein. Aus diesem Empfinden heraus entstand 2013 der Verein „Mein Nieder-Roden“.

Andere Organisationen gehen den umgekehrten Weg. Die Feuerwehr konzentriert sich auf drei Standorte, die SPD löste ihre Ortsverbände auf, Sportler bilden Spielgemeinschaften über Stadtteilgrenzen hinweg. Auch bei Händlern und Handwerkern hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass sie sich nur gemeinsam behaupten können. Die Gebietsreform ist auch nach 40 Jahren noch nicht in allen Lebensbereichen angekommen. So zählt Nieder-Roden noch zum Geschäftsbezirk der Sparkasse Dieburg und bekommt sein Trinkwasser aus Hergershausen.

Quelle: op-online.de

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