Kreppelkaffee lässt die 80er Jahre wieder aufleben

Frauen ziehen in Nieder-Roden alle Register

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Die Mauer ist gefallen, dahinter tanzen die Bananen: kunterbuntes Schlussbild des Kreppelkaffees kurz vor Mitternacht.

Nieder-Roden - Zurück in die 80er: Der Kreppelkaffee in Nieder-Roden feiert ein Wiedersehen mit Wum und Wendelin vom „Großen Preis“, mit den Hits der „Neuen deutschen Welle“ und der legendären Vokuhila-Frisur – vorne kurz, hinten lang. Von Ekkehard Wolf 

Die Kreppelfrauen sind etwas Besonderes in Rodgau. Ihr Publikum auch. Gute Laune herrscht schon lange vor Beginn der Show. Da ist nichts Gekünsteltes. Bei bekannten Melodien singen viele lauthals mit. Die kostümierten Gäste sind ungemein kommunikativ. Das zeigt sich auch später in den beiden Pausen. Sie können gar nicht lang genug dauern, denn es gibt immer etwas zu reden und zu lachen. Nur wenige Männer erhalten das Privileg, diese Fastnacht von Frauen für Frauen mitzuerleben: Musiker, Ton-/Lichttechniker, Journalisten und ein katholischer Geistlicher. Pater Moncy Vadakara amüsiert sich offenbar prächtig – ebenso wie Tags darauf Pfarrer Dr. Peter Eckstein.

Fern von den Zwängen einer heterogenen Gesellschaft können Frauen einfach Frau sein. Das spürt man an der ausgelassenen Stimmung im Saal, das sieht man auch auf der Bühne. Nicht alle Akteurinnen entsprechen dem gängigen Schönheitsideal. Egal: Nicht auf die Figur, sondern auf die Ausstrahlung kommt es an. Der optische Eindruck ist dennoch wichtig: Sowohl bei den aufwendigen Kostümen als auch beim Make-up ziehen die Kreppelfrauen alle Register. Dabei haben sie es nicht nötig, über Männer zu lästern. Sie nehmen lieber sich selbst auf die Schippe.

Also dann: zurück in die 80er Jahre! Schlagersternchen Nicole trällert: „Ein bisschen Frieden“, 99 Luftballons steigen auf und am Ende fällt die Berliner Mauer. Dazwischen gibt es humorvolle Beiträge über das Älterwerden und über moderne Kunst, einen hessisch-kölschen Kochkurs, eine urkomische Nummer über den Wellness-Wahnsinn und eine Büttenrede über die Tücken der neuen Waschmaschine. Auch eine Märchenstunde darf nicht fehlen: Rapunzel als Fernsehquiz.

Wo kommen über Nacht die ersten Falten her? Sabine Follmann und ihre Mutter Rita Pfeiffer lästern über die Tücken des Älterwerdens.

Die schönsten Hits der 80er gibt es nicht nur bei hr 1 im Radio, sondern auch auf der Bühne in Nieder-Roden: vom Tanz der Kreppelgarde zu „La boum (Die Fete)“ über „Herz ist Trumpf“ in der lokalen Version von Tanja Knaf und Veronique Golla bis zu den Stars der Fernsehsendung „Formel 1“. Die Kreppelmädels mit einigen Neuzugängen erinnern an Songs wie „Eye of the Tiger“ und „Radio Gaga“: Als diese Hits aktuell waren, waren die Tänzerinnen noch nicht geboren.Einen Glanzpunkt der Kreppelshow bilden Melanie Wörner und Alisa Rebmann als „Grippe im Anzug“. Die singenden Grippeviren infizieren sogar Rio Reisers „König von Deutschland“: „Das alles und noch viel mehr würd‘ ich machen, wenn ich in deinem Körper wär‘.“ Wer würde sich da nicht gern anstecken lassen?

Alisa Rebmann überzeugt bereits zu Beginn des Abends im schwierigen Job der Protokollerin mit Witz, Esprit und originellen Formulierungen. Ihre Amtsvorgängerin Bettina Hartmann ist auf der Bühne weiterhin präsent: Ihr Zwiegespräch mit Anja Werner über einen missglückten Wellnessurlaub reißt die Zuhörerinnen auch zu später Stunde von den Sitzen: „Was du so bleed bist!“

Kreppelkaffee in Nieder-Roden: Bilder zur Fastnachts-Sitzung

Die Fastnacht von Frauen für Frauen setzt auch im 69. Jahr auf eigene Leute. Mit einer Ausnahme: Die Prinzengarde des JSK Rodgau begeistert Jahr für Jahr beim Kreppelkaffee mit Tempo und Präzision. Da pfeift niemand, wenn die Beine fliegen. „Sie wollen immer unbedingt bei uns tanzen. Dann sollen sie auch dürfen“, betonen die Kreppelfrauen: „Es ist uns eine Ehre und zeigt doch auch, dass das Kirchturmdenken vorbei ist.“

Das Finale ist eine Klasse für sich. Für das bunte Abschlussbild werfen sich alle Mitwirkenden noch mal neu in Schale. Mit Nenas „99 Luftballons“, Baywatch-Star David Hasselhoff und „Dschinghis Khan“ erleben die 80er Jahre ihre Wiederauferstehung. Beim Rodgauer Fastnachtszug werden die aufwendigen Kostüme noch einmal zu sehen sein.

Unfreiwillig komisch wirkt der Dank der Sitzungspräsidentin an die Männer in der Technik, nachdem fünf Minuten zuvor die Musik der Prinzengarde vorzeitig stoppte. Das Gelächter im Saal klingt nicht hämisch, sondern herzlich. Und die Präsidentin lässt sich zur einzigen lästernden Bemerkung über das andere Geschlecht hinreißen: „Es sind halt Männer. Sie tun ihr Bestes.“

Quelle: op-online.de

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