Fastnachts-TÜV

Muss der Elferrat zu Fuß gehen?

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Joachim Riedel (rechts) weist Klaus Werner auf einen kaputten Bremsschlauch hin.

Jügesheim - Für die Elferräte oder den Jugendelfer der TGM SV  könnte der Fastnachtszug zum Fußmarsch werden. Beim Blick auf die Elferwagen entdeckte Experte Joachim Riedel vom TÜV Nord Mängel, die der Verein vielleicht nicht rechtzeitig vor dem Fastnachtsdienstag beheben kann. Von Ekkehard Wolf 

Der Jügesheimer Traditionsverein befindet sich in guter Gesellschaft. Auch an den Fastnachtswagen anderer Vereine stieß Riedel auf potenzielle Risiken für die Verkehrssicherheit: spröde Reifen, defekte Bremsen, kaputte Lichtanlagen oder eine unzureichende Absturzsicherung. Auf die Wagenbauer kommen Überstunden zu. Der TÜV-Mann sparte nicht mit praxisnahen Verbesserungsvorschlägen. Als Vorsitzender des Ersten Frankfurter Theater- und Karneval-Clubs weiß er, mit wie viel Improvisationstalent die Wagenbauer ans Werk gehen.

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Für die Rodgauer Vereine ist es ein Glücksfall, dass Joachim Riedel ihre Fastnachtswagen in diesem Jahr ehrenamtlich und kostenlos per Sichtprüfung begutachtet. „Er ist mit Herzblut dabei“, würdigt Klaus Werner vom Vorstand der TGM SV. Wenn es um die Sicherheit geht, versteht Riedel keinen Spaß. An den Aufbauten gibt es nach seiner Erfahrung wenig zu bemängeln. Der Zustand der Anhänger, die als fahrbare Untersätze dienen, lässt jedoch bisweilen zu wünschen übrig.

Zeit für Reparaturen wird knapp

„Gute Substanz“, lobt der Fachmann beim ersten Blick auf das massive Fahrgestell des Elferwagens. Dann jedoch ziehen Sorgenfalten auf: Die Reifen haben Risse, die Deichsel ist verbogen, ein Schlauch der Druckluftbremse gerissen. Auch wenn ein schwerer Traktor den Anhänger leicht zum Stehen bringen kann: „Wenn eine Bremsanlage vorhanden ist, muss sie auch funktionieren.“ Die Bremsenreparatur und der Austausch der Deichsel sind für den Verein kein Problem. Die großen Reifen werden aber richtig teuer. „500 Euro pro Stück“, schätzt der Fachmann. Er rät den Fastnachtern, sich bei den Bauern der Umgebung zu erkundigen. Vielleicht gebe es ja einen Landwirt, der dem Verein vier passende Reifen für ein paar Tage ausleihe.

Ob das alles in der kurzen Zeit noch zu schaffen ist? Klaus Werner hat da seine Zweifel. Er vermutet, dass der Elferwagen am 4. März nicht im Fastnachtszug mitfahren kann. Auch ohne aufwändige Reparaturen gebe es für die aktiven Helfer genug zu tun, „schließlich müssen wir auch noch einige Veranstaltungen stemmen“.

Glimpflicher fällt das Urteil über den zweiten Anhänger aus, von dem bisher die Jugendelfer ihre Bonbons ins närrische Volk warfen. Dort müssen die Wagenbauer nur Blinker und Schlussleuchte austauschen. Eine Stabilisierung der Seitenbordwand fordert der TÜV-Mann auch. Aber das ist für den Jügesheimer Verein sowieso selbstverständlich. Vorstandsmitglied Klaus Werner ist selbst ein erfahrener Wagenbauer. Über viele Jahre hinweg hat er mit Freunden in Seligenstadt die aufwändigen Motivwagen der Gruppe Dri-We-Di (Dries, Werner, Differenz) aufgebaut. „Wir waren damals in Seligenstadt die ersten, die eine Plexiglasscheibe als zusätzliche Absturzsicherung befestigt haben“, erinnert er sich. Schließlich fuhren auch Kinder mit. Beim Wagenbau kamen jedes Jahr 2000 bis 3000 Arbeitsstunden zusammen. Von den Materialkosten ganz zu schweigen: „Ohne die Unterstützung vom Heimatbund hätten wir das nie machen können.“

Solchen Aufwand betreiben die Fassenachter an der Weiskircher Straße nicht. Deshalb fangen sie mit dem Aufbau erst nach dem TÜV-Besuch an. Joachim Riedel reagierte verwundert: „Die anderen sind schon viel weiter, da ist alles schon gestrichen.“ Doch die TGM SV hat Routine und kann sich auf ein eingespieltes Team verlassen. „Wenn es los geht, kommen 20 oder 25 Leute auf einmal. Da weiß jeder, was er zu tun hat“, sagt Angelika Hoffmeister von der Geschäftsstelle des Vereins.

Ein Punkt, an dem mehrere Vereine nachbessern müssen, ist der Aufstieg auf die Fastnachtswagen. „Viele haben den Einstieg vorne und steigen über die Deichsel hoch“, weiß Klaus Werner. Aus Sicht des TÜV geht das aber gar nicht. „Wenn einer aussteigt und der Traktor fährt an, wird er überrollt“, erklärt Joachim Riedel. Nur am Heck oder an der Seite sei ein sicherer Einstieg möglich.

Unfälle bei Fastnachtszügen sind selten, aber jeder Unfall ist einer zu viel. Inmitten der Menschenmenge ist die Verletzungsgefahr besonders hoch, auch wenn Ordnungskräfte jedes Fahrzeug begleiten. Man kann von Glück sagen, wenn ein Zugunfall nur mit Sachschaden endet. Klaus Werner erinnert sich an einen solchen Fall in Seligenstadt mit der Besatzung eines Narrenschiffs: „Die haben immer schön mit der Musik gewippt, bis die Achse gebrochen ist.“ Joachim Riedel weiß von einem ernsteren Unfall vor wenigen Jahren in Frankfurt. Damals gab es Verletzte, als die Bordwand eines Anhängers herunterbrach.

Quelle: op-online.de

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