Fernseher im Altpapiercontainer

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Bürgerservice beim Wort genommen: Wer mit Waschmaschine, Elektroherd oder Kühlschrank zum Recyclinghof kommt, dem hilft dessen Chef Thomas Wissenbach beim Ausladen.

Jügesheim ‐ „10 Biere aus aller Welt“: Das ist der originellste Wertstoff, den Thomas Wissenbach an diesem Samstagmorgen ablehnen muss. Von Michael Löw

Eine ältere Dame, die gerade ihren Keller entrümpelt, wäre den Karton voll internationaler Braukunst - „mindestens haltbar bis 12/93“ steht drauf - gerne auf dem Recyclinghof in der Hans-Böckler-Straße los geworden, aber dessen Chef winkt ab. Wie so viele Male in den Stunden zwischen 9 und 12 Uhr. Doch Wissenbach belässt‘s nicht beim Abwinken. „Aufmachen, abgelaufenes Bier in den Ausguss kippen, Flaschen in den Glascontainer und Karton in die blaue Tonne“, rät er der Frau. Wenn der Weg ins Jügesheimer Industriegebiet schon vergeblich war, konnte sie außer dem Bier wenigstens auch ein paar Informationen mit nach Hause nehmen.

An fünf Tagen in der Woche können die Rodgauer im Recyclinghof Bauschutt und Elektroschrott, Windeln und Leichtverpackungen, Leuchtstoffröhren, Altmetall und vieles mehr abliefern. In haushaltsüblicher Menge zwar nur, aber kostenlos. Finanziert wird der Service über die heftig diskutierte Müllgebühr.

Fast 400 Autos rollen an diesem Morgen durch die Containergassen. „Als wir um 9 Uhr kamen, standen schon sechs Leute vor dem Tor“, fühlte sich Wissenbachs Kollege Dieter Fußmann an längst vergangene Sommerschlussverkäufe erinnert.

Die meisten Kunden kennen ihren Weg, die übrigen werden von den beiden städtischen Mitarbeitern zum richtigen Container gelotst. Und wenn Wissenbach oder Fußmann gerade mal wieder erklären, was sie annehmen dürfen und was nicht, helfen Stammkunden den Neulingen weiter.

FAKTEN

  • Pro Monat bringen die Rodgauer 300 Fernsehgeräte zum Recyclinghof.
  • Pro Woche sind‘s unter anderem 40 Kubikmeter Metall- und 20 Kubikmeter Elektroschrott sowie 20 Kubikmeter „Gelbe Säcke“.
  • Pro Öffnungstag steuern im Schnitt 50 Bürger den Windelcontainer an.
  • Die Mitarbeiter nehmen auch Anmeldungen zur Sperrmüllabfuhr an und leiten sie ans Rathaus weiter.
  • Der Abfallkalender unserer Zeitung informiert täglich über die Öffnungszeiten.
  • Am Ostersamstag ist der Recyclinghof zu.

Überhaupt, die Atmosphäre ist entspannt: kein Gehupe, wenn ein Auto die Durchfahrt verstopft, meist Verständnis, wenn der ausgediente Katzen-Kratzbaum wieder zurück in den Kofferraum wandert. Kurze Gespräche zeigen, man kennt sich. Recyclinghof-Chef Wissenbach ist ruckzuck mit der Sackkarre da, sobald wer „Weiße Ware“ in einem Auto erblickt, seine Arbeitshandschuhe ersparen manchem Heimwerker dreckige Hände, und Dieter Fußmann bringt den Hammer, wenn jemand Glas und Rahmen trennen muss. „Das ist hier ein Superservice“, lobt Karin Andräß, die ihren Second-Hand-Laden auflöst und schon fünf Mal da war.

Die Frechheit einiger Zeitgenossen treibt den Wertstoff-Fachmännern gelegentlich die Zornesröte ins Gesicht. „Wir haben im Papiercontainer schon Fernseher oder Aquarien gefunden“, schildert Wissenbach besonders dreiste Schmutzfinken. Die sind zum Glück die Ausnahme, wie auch Rodgaus Abfalldezernentin, die Erste Stadträtin Hildegard Ripper, bestätigt: „Die Bürger machen hier bei der Mülltrennung hervorragend mit.“ Das sei nicht zuletzt der guten Beratung von Thomas Wissenbach und seinen Kollegen zu verdanken.

Es allen recht machen können auch sie nicht. Schicken sie jemanden mit Dachpappe oder Farbresten nach Hause, kommt der berühmte Spruch vom Steuer zahlenden Bürger und sturem städtischen Personal. „Da haben wir uns dran gewöhnt, da müssen wir drüber stehen“, bleibt Wissenbach gelassen.

Wiederverwertung über E-Bay

Der eine wirft‘s fort, der andere kann‘s brauchen, und mancher nimmt vom Recyclinghof mehr mit als er bringt: Das sieht Leiter Thomas Wissenbach mit gemischten Gefühlen. Gartenbesitzer, die im Metallcontainer genau das Rohr finden, das zur Rankhilfe ihrer Himbeersträucher wird, dürfen natürlich zugreifen. Gleiches gilt für Elektronikbastler, die ab und an mal Ersatzteile für ihren Computer aus dem großen Berg ausrangierter Rechner klauben.

Die Rote Karte zeigen die städtischen Bediensteten hingegen Profi-Schrottlern. „Die hingen schon mal im Dutzend über den Metall- und Elektrocontainern“, schildert Wissenbach. Über soviel Penetranz hätten sich zahlreiche Anlieferer beschwert, weil das Ausladen fast schon ein Spießrutenlaufen war. Seither müssen die Profis meist osteuropäischer Herkunft draußen bleiben.

Computer, Werkzeuge, Hifi-Anlagen und Kleingeräte: Im Elektroschrott landet auch mal Brauchbares, das vom technischen Fortschritt einfach überrollt wurde.

Eine Grauzone bilden Menschen, wie jener Mitt-Fünfziger, der seinen Namen nicht in der Zeitung sehen will, weil sich seine Tochter sonst für ihn schämt. Er sammelt HiFi-Geräte und spricht die Leute schon auf dem Weg vom Auto zum Container an. Es sei erstaunlich, was da so alles weggeworfen werde. Der Mann kann nicht verstehen, dass „Riesenboxen mit einem Megasound“ auf einmal Schrott sein sollen, nur weil schlanke Designerlautsprecher besser ins Wohnzimmer passen. Er verkauft solche Geräte über e-Bay.

Quelle: op-online.de

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