Blindenstock hilft bei Suche nach Menschen

Feuerwehr übt Tastsinn

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Dank des Blindenstocks findet Sascha Creutz auch mit geschlossenen Augen seinen Weg.

Rodgau - Mit einem Blindenstock können Rodgaus Feuerwehrleute künftig in verrauchten Räumen schneller nach vermissten Menschen suchen. Erste Tests verliefen viel versprechend. Von Ekkehard Wolf

Bei einer Großübung in einem vernebelten Bürotrakt erprobten Einsatzkräfte den weißen Langstock auch schon unter praxisnahen Bedingungen. Tick, tick, tick: Mit einer regelmäßigen Pendelbewegung tastet der Blinde beim Gehen den Weg vor sich ab. Das leise Ticken verrät dem geschulten Ohr, wie der Untergrund beschaffen ist. Ein Feuerwehrmann mit Helm und Atemmaske kann das nicht hören. Aber selbst durch die dicken Handschuhe kann er spüren, ob der Langstock einen harten Gegenstand oder einen menschlichen Körper berührt.

Der Blindenstock ist für die Feuerwehr wie geschaffen: Er ist klein und leicht, funktioniert rein mechanisch und erleichtert die Arbeit beträchtlich. Wer den Stock einmal ausprobiert hat, fragt sich unwillkürlich: „Warum bin ich darauf nicht selbst gekommen?“ Ihr neues Hilfsmittel haben die Rodgauer einer internationalen Fachtagung zu verdanken. Bei den Hamburger Atemschutztagen im Mai hatte die Berufsfeuerwehr Zürich in einem Workshop neue Methoden zur Suche nach Personen vorgestellt. Unter den Teilnehmern war auch eine kleine Abordnung aus Rodgau, die sich mit Atemschutzausbildung und Notfalltraining beschäftigt. „Bei solchen Veranstaltungen kann man sehr viel lernen“, sagt Stadtbrandinspektor Andreas Winter. Aus Fachvorträgen und Gesprächen mit Kollegen nahm er die Erkenntnis mit, „dass wir als Freiwillige Feuerwehr in einer mittelgroßen Stadt sehr gut aufgestellt sind“.

Atemschutzeinsätze sehr gefährlich

Atemschutzeinsätze zählen zu den gefährlichsten Aufgaben der Feuerwehr. Die Einsatzkräfte setzen dabei ihre Gesundheit und ihr Leben aufs Spiel. Ihre Arbeit ist extrem anstrengend und der Druckluftvorrat ist begrenzt. Zur Sicherheit sind sie immer zu zweit unterwegs. Ihre Einsatzdauer wird laufend überwacht. Für Notfälle steht stets ein Rettungstrupp bereit. Der Blindenstock erleichtert den mühsamen Job der Suche nach Verletzten. Denn mitten im Qualm kann man nicht mal die eigene Hand sehen. Bisher mussten die Einsatzkräfte auf dem Boden kriechen und mit dem Stiel ihrer Feuerwehraxt nach Hindernissen oder Menschen tasten. Nun können sie aufrecht gehen und sich wesentlich schneller ihren Weg ertasten. Der Langstock aus Leichtmetall und Kohlefasern wiegt nur wenige hundert Gramm und belastet die Arme viel geringer als die schwere Axt. Die Feuerwehr Rodgau hat sich für ein faltbaren Langstock entschieden: Er ist verpackt nur etwa 40 Zentimeter lang und lässt sich wie eine Zeltstange mit Gummizug blitzschnell auf die volle Länge zusammensetzen.

„Bei allen, die das mal probiert haben, ist der Blindenstock sehr positiv angekommen“, berichtet Andreas Winter. Nach den ersten Erfahrungen sind die Feuerwehrleute mit dem Langstock drei bis fünf Mal so schnell wie bisher. Eine Rolle am unteren Ende erleichtert das Abtasten. Winter: „Im Feuerwehrhaus Mitte haben wir drei verschiedene Fußbodenbeläge – man spürt das und man hört das auch.“ Der Stadtbrandinspektor hat den Blindenstock selbst ausprobiert, während seine Augen mit einer nachtschwarzen Maske abgedeckt waren. Die Erfahrung hat ihn beeindruckt: „Man versteht dann wenigstens ansatzweise, warum Blinde so gut ,sehen‘.“ Dennoch wünscht er sich noch eine fachmännische Anleitung: „Es wäre hilfreich, wenn uns jemand, der das kann, zeigt, wir man mit dem Stock richtig umgeht.“

Großübung der Rodgauer Feuerwehr

Großübung der Rodgauer Feuerwehr

Quelle: op-online.de

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