Kriminalpolizei bleibt unermüdlich

Fieberhafte Suche nach vermissten 78-Jährigem

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Aufgeben ist für ihn ein Fremdwort. Kriminaloberkommissar Ulrich Arnheiter (55) leitet die Vermisstenstelle beim Polizeipräsidium.

Rodgau - Seit dem 16. Oktober war ein 78 Jahre alte Senior aus dem Altenpflegeheim Gretel-Egner-Haus verschwunden. Polizei und Angehörige suchten den Mann, der sich kaum orientieren konnte, seither mit allen Mitteln. Vergeblich.

Update: Der Senior aus Rodgau wurde gestern Abend tot aufgefunden. Alle Infos.

Redaktionsleiter Bernhard Pelka sprach beim Polizeipräsidium Südosthessen mit Kriminaloberkommissar Ulrich Arnheiter. Er leitet die Vermisstenstelle, die bei der Kriminaldirektion im Fachkommissariat 11 (Gewaltkriminalität) in Offenbach angegliedert ist. Die Vermisstenstelle ist für Stadt und Kreis Offenbach zuständig und koordiniert alle Fahndungsmaßnahmen.

Wie geht die Polizei in solchen Fällen - kurz beschrieben - vor?

Aufnahme einer förmlichen Vermisstenanzeige, Vernehmung/Befragung von Auskunftspersonen, Nachsuche im häuslichen Bereich, telefonische Abfrage/Benachrichtigung umliegender Krankenhäuser, Krankentransportleitstellen,Verkehrsunternehmen (Bus, Bahn. Taxi), Kommunale Behörden (Ordnungsamt, Stadtpolizei), überregionale Fahndung/ Funkfahndung, bundesweite/europaweite Ausschreibung im polizeilichen Fahndungssystem. Bei Bedarf Aufnahme der örtlichen Fahndung durch Funkstreifen, Hubschraubereinsatz, Suchhundeeinsatz, Mobilfunkortung, Öffentlichkeitsfahndung, Zielfahndung, Absuche definierter Suchgebiete mit hohem Personaleinsatz (Bereitschaftspolizei), Ermittlung von Kontaktadressen (Freunde, Bekannte, Ärzte), Befragungen, Erstellung eines DNA-Profils, Eingabe in BKA-Datei vermisster Personen/unbekannter Toter.

Was kann die Polizei im Vermisstenfall noch tun? Wird jetzt zum Beispiel auch an den Einsatz speziell ausgebildeter Hunde gedacht?

Im Vermisstenfall wurde nach häuslicher Absuche noch in den frühen Abendstunden mit mehreren Streifen im Bereich Rodgau/Rödermark Suchmaßnahmen ergriffen. Der Polizeihubschrauber mit Wärmebildkamera kam zum Einsatz. Am frühen Morgen des Folgetages wurden die Öffentlichkeitsfahndung, erneute Suchmaßnahmen durch mehrere Funkstreifen, Suche mit Rettungshundestaffel Frankfurt (Personensuchhund und Flächensuchhunde) eingeleitet. Am 23. Oktober erfolgten erneut Suchmaßnahmen mit Rettungshundestaffel Frankfurt (Personensuchhund und Flächensuchhunde) im Bereich Nieder-Roden/Industriegebiet Benzstraße/umliegendes Waldgebiet. Damit sind die polizeilichen Möglichkeiten erschöpft.

Wo verliert sich die Spur des 78-Jährigen? 

Die Suche mit dem Personensuchhund führte zum S-Bahnhof Nieder-Roden. Eine mögliche weitere Spur führte von dort in das Waldgebiet an der B 45, nahe dem Industriegebiet Benzstraße. Eine mehrmalige Absuche des Waldgebiets mit Flächensuchhunden verlief negativ. Es ist bis heute nicht verifiziert, ob der 78-Jährige mittels S-Bahn seinen Weg fortgesetzt hat.

Video am Buchrainweiher: Taucher suchen vermisste Frau

Was macht die Suche gerade in diesem Fall so schwer? Hatte der Mann keinen Ausweis oder Ähnliches dabei? 

Die Schwierigkeit liegt darin, dass es widersprüchliche Angaben bezüglich einer letzten Sichtung gibt. Mehrere Zeugen haben zur gleichen Zeit ähnliche Personen gesehen, jedoch an verschiedenen Orten. So lag schon für 18 Uhr eine Sichtungsmeldung aus dem Bereich Stuttgart vor. Der Mann führte keine Personalpapiere oder Ausweise mit.

Gab es schon Hinweise, wenn ja, wie viele? 

Auf die Öffentlichkeitsfahndung und die private Anzeige der Angehörigen gingen sieben Hinweise ein, die alle geprüft und abgearbeitet wurden. Der Hinweis auf Stuttgart wurde aufgrund einer Weg-/Zeitberechnung als unrealistisch eingeordnet. Konkrete Hinweise auf einen aktuellen Aufenthaltsort gab es leider nie.

Der Vermisste war zum Zeitpunkt seines Verschwindens mit Hausschuhen unterwegs. Das muss doch auffallen. 

Keiner der Zeugen machte Angaben zu den Hausschuhen. Die meisten Zeugen bezogen sich auf den „vorgebeugten, schlurfenden Gang“.

Was können die Angehörigen beitragen - und wie kann man ihnen in ihrer schlimmen Lage helfen? 

Angehörige haben sich sehr intensiv an den Suchmaßnahmen beteiligt und durch den Druck von Flyern und das Verteilen der Flyer im Suchgebiet und im Bereich der S-Bahnstrecke sowie Schalten einer privaten Suchanzeige maßgeblich zu Zeugenmeldungen beigetragen. Die verzweifelte Lage der Angehörigen wird sich vermutlich erst durch das Auffinden des Vermissten lösen können. Bei der hiesigen Dienststelle werden Fälle von vermissten Personen bearbeitet, die leider seit mehreren Monaten und auch Jahren abgängig sind. Oft arbeitet die Zeit nicht für den Vermissten und dessen Angehörige, im Falle des Mannes auch nicht. Der Informationsaustausch mit den Angehörigen ist Bestandteil der täglichen Arbeit. In manchen Fällen haben Angehörige von vermissten Personen psychologische Hilfe gesucht und gefunden.

Wie sehr nimmt ein solcher Fall einen erfahrenen Kriminalbeamten wie Sie mit? 

70 Prozent der Vermisstenfälle lösen sich innerhalb von 48 Stunden, weitere 16 Prozent innerhalb der ersten Woche und weitere zehn Prozent innerhalb des ersten Monats. Fälle von Menschen, die über diesen Zeitrahmen hinaus vermisst bleiben, sind immer arbeitsintensiv und belastend. Der Kontakt mit den Angehörigen, denen man als polizeilicher, aber auch als menschlicher Ansprechpartner zur Verfügung steht, ist meist intensiv und fordert Empathie und Objektivität. Noch mehr belastend sind Fälle, in denen den Angehörigen schlechte Nachrichten zu überbringen sind, zum Beispiel das Auffinden eines Verstorbenen. Dann entstehen Situationen, die man bei Dienstschluss nicht in den Amtsstuben lassen kann, sondern die einen in den privaten Bereich begleiten. Und das manchmal über mehrere Tage. In einem kollegialen Umfeld können diese erlebten Situationen durch Gespräche aufgefangen und die empfundenen Stressfaktoren abgebaut werden. Trotzdem verbleiben das Mitgefühl für die Angehörigen und für jeden „verlorenen“ Vermissten ein Stück Traurigkeit.

Wie viele Vermisstenfälle in Ihrem Zuständigkeitsbereich bearbeiten Sie zurzeit? 

Bei der hiesigen Dienststelle wurden 2013 genau 257 Vermisstenfälle bearbeitet. Die Zahlen sind in den letzten Jahren stabil. 15 Prozent der Fälle betreffen ältere Menschen (65 Jahre aufwärts). Davon waren mehr als die Hälfte aus Altenwohnheimen abgängig. Alle diese Menschen wurden ermittelt oder aufgegriffen und zurückgeführt.

Update: Der Senior aus Rodgau wurde gestern Abend tot aufgefunden. Alle Infos.

Quelle: op-online.de

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