Ganztagsschule lässt Fragen offen

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Rodgau - Ein neues Konzept zum Aufbau von Ganztagsschulen hat der Kreistag beschlossen. Grundschulen sollen sich demnach zu Ganztagsschulen weiterentwickeln, um der steigenden Nachfrage nach Betreuungsplätzen gerecht zu werden. Doch das Papier lässt viele Fragen offen. Von Ekkehard Wolf

Nach dem Willen der Kreistagsmehrheit sollen künftig die Schulleiter auch bei den Freizeitangeboten das Sagen haben. Bisher wird die Betreuung nach dem Unterricht von Fördervereinen organisiert. Im neuen Ganztagsschulkonzept des Kreises (22 Seiten) kommen diese Vereine praktisch nicht mehr vor. Dabei verfügen sie über profunde Erfahrung. Die beiden ältesten Betreuungsangebote an Rodgauer Schulen bestehen seit mehr als 20 Jahren.

Bei den Ehrenamtlichen löst das Kreis-Konzept keine Begeisterung aus. Das zeigte sich jetzt bei einem Treffen der Fördervereine der sechs Rodgauer Grundschulen. Auf Unverständnis stößt eine Äußerung des Landrats in der Presse, wonach die Fördervereine bisher improvisiert hätten. Das Gegenteil sei der Fall. Tatsächlich leisteten die Betreuungsteams seit vielen Jahren hochprofessionelle Arbeit.

Ein Knackpunkt ist die Weisungsbefugnis der Schulleitung, die das neue Konzept festschreibt. Die rechtliche Konsequenz: Der Kreis als Schulträger müsste eigentlich auch die Trägerschaft der Betreuungsangebote übernehmen. Schließlich könnten die Fördervereine ihr Personal nicht einfach an die Schulen ausleihen.

Verunsicherte Mitarbeiterinnen

Die Frage der Arbeitnehmerüberlassung und andere arbeitsrechtliche Themen seien im Ganztagsschulkonzept des Kreises überhaupt nicht berücksichtigt, kritisiert Nicole Westenburger vom Förderverein der Freiherr-vom-Stein-Schule: „Aber wir wurden ja auch nicht gefragt.“ So entstehe der Eindruck, das ganze Konzept sei nicht durchdacht: „Ich finde es bedenklich, dass der dritte Schritt vor dem ersten gemacht wird.“

Die Mitarbeiterinnen seien zu Recht verunsichert, sagt Jana Saß, die Leiterin der Betreuung der Münchhausenschule: „Sie kommen morgens in die Einrichtung und fragen: Hab‘ ich morgen noch einen Job?“ Statt die Fördervereine auszubooten, solle der Schulträger sich besser deren Erfahrungen zunutze machen. „Die Frage ist doch: Wie gelingt eine gute Kooperation, damit Ganztagsschule gelingen kann? Wir haben mit Sicherheit viele gute Ideen, weil wir lange Erfahrung haben.“ Saß: „Dass Schulleitung und Betreuung zusammenarbeiten, ist wichtig. Gleichwertige Zusammenarbeit auf Augenhöhe bereichert das Schulleben allgemein.“

Wie fruchtbar ein kollegiales Miteinander zwischen Schule und Betreuung sein kann, zeigt auch die Carl-Orff-Schule. Dort wird eine ganz spezielle Form der „gebundenen Ganztagsschule“ praktiziert. Für die Klassen 1 a bis 4 a gibt es einen rhythmisierten Stundenplan aus Unterricht und Freizeitgestaltung mit Anwesenheitspflicht bis zum späten Nachmittag. Schule und Betreuung sind dort eng verzahnt. Im Gegensatz zu einer echten Ganztagsschule fallen für die Eltern allerdings Betreuungskosten an.

„Bei uns funktioniert die Kooperation zwischen Schule und Förderverein sehr gut“, berichtet der Geschäftsführer des Fördervereins, Roland Herth. Eines fernen Tages könne das theoretisch auch einmal anders sein. „Und dann sind wir die Vorgesetzten unserer Mitarbeiter. Sie haben ja auch Verträge mit dem Förderverein und nicht mit der Schule.“

„Ein bisschen Verlässlichkeit wäre schön“

Der Kreis Offenbach will, dass das Betreuungspersonal künftig vom Land und von den Städten und Gemeinden bezahlt wird. Bei der Einstellung von Mitarbeitern soll die Schulleitung jedoch das letzte Wort haben. Das kann im Konfliktfall zu Problemen führen: Wer ist letztlich als Arbeitgeber verantwortlich? Auch diese Frage ist im Ganztagsschulkonzept noch nicht geregelt.

Der Schulträger legt sich auch nicht fest, inwieweit das neue Konzept für bestehende Angebote gelten soll. „Ein bisschen Verlässlichkeit wäre schön“, sagt die Vize-Vorsitzende des Fördervereins der Freiherr-vom-Stein-Schule, Nicole Westenburger.

Jede der sechs Betreuungseinrichtungen arbeitet mit einem gemischten Team aus Pädagogen und Seiteneinsteigern aus anderen Berufsfeldern. Der Anteil an pädagogisch qualifiziertem Personal steigt seit Jahren – nicht erst, seit der Kreis Offenbach eigene Zertifizierungskurse anbietet. Die meisten Profi-Pädagogen beschäftigt der Förderverein der Münchhausenschule. Von knapp 300 Arbeitnehmerstunden pro Woche sind dort 177,5 durch Fachpersonal abgedeckt.

Die Schülerbetreuung kann auch eine Talentschmiede für den Erzieherberuf sein. Das hat der Förderverein der Freiherr-vom-Stein-Schule erlebt. Drei Mitarbeiterinnen der Betreuung haben durch ihre Tätigkeit ihre Liebe zum Erzieherberuf entdeckt und absolvieren derzeit eine Ausbildung zur Erzieherin. Leiterin Gabi Müller sieht das mit einem lachenden und einem weinenden Auge: „Für die Kolleginnen ist das sicher toll. Aber aus unserer Betreuung sind sie erst mal weg.“ 

eh

Quelle: op-online.de

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